Zur Geschichte der Juden in Hameln

und in der Umgebung

 

Der jüdische Friedhof in Wallensen

 

Teil der zum Landrabbinat Hannover gehörenden Synagogengemeinde Salzhemmendorf

Lage und Größe:

sehr weit außerhalb des Dorfes in südlicher Richtung in sehr hoher Lage über dem Dorf in den Feldern (in der Nähe des Wasserhochbehälters); Umfassungsmauer in Backstein; 109 qm

Bestand an Steinen:

1 Stein (1917), liegend und teilweise zerstört; aus einem größeren Bestand

Daten zur Geschichte:

keine

 

 
Bild
 

Text einer Tafel im Museum Haus an der Stadtmauer in Wallensen

 

Bernhard Gelderblom

Jüdisches Leben setzte in Wallensen verhältnismäßig spät ein. Während in den umliegendenOrten des Amtes Lauenstein, also in Lauenstein, Hemmendorf, Duingen undSalzhemmendorf, Juden schon im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts bezeugtsind, hören wir zuerst 1811 von jüdischen Einwohnern in Wallensen. Damals lebtehier Bendix Hirsch.

JüdischesLeben in Wallensen im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert, als Wallensen durch den Braunkohletagebau an Bedeutung gewann,erlebte das jüdische Leben hier eine Blüte. Es sind vor allem die beiden FamilienBlank und Steinberg zu nennen.

David Blank wohnte hier seit 1820 und dürfte aus Lauenstein zugewandert sein. Er warKaufmann und konnte rasch ein eigenes Haus (das Kötnerhaus Nr. 36 bzw. 40)erwerben. Nach seinem Tode im Jahre 1876 übernahm Sohn Eli Geschäft und Haus. Bis1890/91 lebten Blanks in Wallensen.

Als Beispiel für den Weg, den die fünf Kinder von Eli und Sophie Blank nach ihremWeggang aus Wallensen nahmen, sei das Schicksal des Drittgeborenen Albertgeschildert. 1885 in Wallensen geboren, besuchte er in Hannover dasRealgymnasium, machte dann eine dreijährige Lehre bei den Vereinigten WollwarenfabrikenMarienthal in Hameln, absolvierte die Webschule in Aachen und ging für vierJahre zum Studium in die USA.

Zusammen mit dem Hamelner Textilkaufmann Otto Kuhlmann gründete er 1910 in Hameln dieTeppichfabrik Otto Kuhlmann. Nach Kuhlmanns Tod war Albert Blank einer der beidenGeschäftsführer des Unternehmens.

Im Ersten Weltkrieg diente er im hannoverschen Regiment 74 und war seit 1916 ander russischen Front eingesetzt. Dabei wurde er verwundet.

Nach 1933 musste die Firma, die 1926 bis 1929 stark expandierte, unter dem Druck derNazis verkauft werden. Die Teppichwerke Otto Kuhlmann & Co wurden im April 1934unter dem neuen Eigentümer Hans Preiss „arisiert“. Im Oktober 1935 verließen AlbertBlank und seine Frau Luise mit ihren Töchtern Hameln und gingen nach Berlin. ImApril 1936 gelang die Flucht nach England. Albert Blank verstarb am 9. Oktober1963 in London.

Neben der Familie Blank ist die Familie Steinberg zu nennen. Ephraim Steinberg (geb.1813) kam 1852 aus Wangelnstedt bei Stadtoldendorf nach Wallensen und heirateteJohanne Blank, eine Tochter von David und Marianne Blank. Er wurde einangesehener Kaufmann und Bankier. Geschäft und Wohnung befanden sich im HausNr. 33.

Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufstieg setzte sich in der zweitenGeneration fort. Die Familie besaß mehrere Häuser in Wallensen. Louis Steinbergging nach Hannover, kaufte eine Duinger Töpferei auf und machte daraus diebedeutende Duinger Steinzeug- und Tonwarenfabrik Steinberg.

Nach Ephraims Tod 1881 übernahm zunächst Albert und seit 1900 Siegfried Steinbergdas Geschäft in Wallensen. Besonders Siegfried (geb. 1865) war als Kaufmann undKornhändler sehr erfolgreich. Im Geschäft waren mehrere in der Regel jüdische kaufmännischeAngestellte beschäftigt. Nach Siegfrieds frühem Tod im Jahre 1917 führte seineWitwe Ida das Geschäft weiter.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert lebten zwei weitere jüdische Familien inWallensen. Neben der Salzhemmendorfer Schlachtersfamilie Rosenstern, die hiervon 1900 bis 1904 nachweisbar ist, ist die Familie Heilbronn zu nennen. DasGeschäftshaus von Carl (1861-1932) und Pauline (1869-1931) Heilbronn stand inder Nähe der Kirche (Haus Nr. 18).

1913 eröffnete der älteste Sohn Moritz im nahen Salzhemmendorf in einem neuerrichteten Wohn- und Geschäftshaus (dem heutigen Rathaus) ein modernes Kleidergeschäft.Die alten Heilbronns zogen 1923 zu ihrem Sohn nach Salzhemmendorf. IhrGrabstein auf dem jüdischen Friedhof in Salzhemmendorf bewahrt auch dieErinnerung an den im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn Sally auf.

Das religiöse Leben der Juden

Eine eigene Synagoge und Schule besaßen die Wallenser Juden nicht. gehört zumSynagogenverband Salzhemmendorf. Schule und Synagogen standen dort.

Den ca. sieben Kilometer langen Weg zur Synagoge Salzhemmendorf mussten sie zu Fußzurücklegen. In Salzhemmendorf stand auch die jüdische Schule, welche dieWallenser Kinder besuchen mussten.

Das Ende des jüdischen Lebens in der NS-Zeit

Im Februar 1935, als mit Willi Katzenstein der letzte Angestellte Wallensenverließ, muss das Geschäft von Ida Steinberg geschlossen worden sein. KurzeZeit später, am 6. 10. 1936, verließ mit Ida Steinberg die letzte jüdischeEinwohnerin den Ort. Ida Steinberg ging nach Hannover. Ihr weiteres Schicksalwar nicht aufzuklären. Opfer der Judenvernichtung ist sie aber offenkundignicht geworden.

Moritz Heilbronn starb 1935. Die Zwangsversteigerung seines Geschäftes 1937mitzuerleben blieb ihm erspart. Seine Witwe Gertrud zog 1936 nach Goslar.Buchstäblich im letzten Moment, im Mai 1941, gelang ihr die Flucht in die USA.

Opfer des Holocaust sind aus Wallensen offenbar nicht zu beklagen.

Der Friedhof

Das einzige Zeugnis des jüdischen Lebens von Wallensen ist heute der Friedhof. Er liegtweit außerhalb des Dorfes. Von den zahlreichen Grabsteinen, die dort einmalstanden, hat sich nur das prächtig in Marmor ausgeführtes Grab von SiegfriedSteinberg erhalten.

 
Bild