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Zwangsarbeit in Hameln und im Kreis Hameln-Pyrmont

Aus Briefen ehemaliger Zwangsarbeiter

"Aber das Schlimmste waren das Heimweh und der Hunger" – Einführung
Kap. 1 "Die Zeit in Deutschland habe ich in schlechter Erinnerung." -
Die Jahre in Deutschland im Rückblick

Kap. 2 "Wir haben immer gearbeitet." – "Wir hatten immer Hunger." –
Arbeiten in der Fremde

Kap. 3 "... die kleinen, unschuldigen Kinder ..." –
Die Schicksale der Kinder

Kap. 4 "Wie Vieh steckte man uns in einen Güterzug." –
Die Verschleppung nach Hameln

Kap. 5 "In unserem Heimatdorf trafen wir nur Trümmer an." –
Befreiung, Leben als Displaced Person und Rückkehr in die Heimat

 

"Aber das Schlimmste waren das Heimweh und der Hunger" – Einführung

Im Mittelpunkt dieser Texte stehen die Aussagen der ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die in den Jahren 1939 bis 1945 in der Stadt Hameln bzw. im Landkreis Hameln-Pyrmont gearbeitet haben. Spät, sehr spät, wird ihnen hier Gelegenheit gegeben, ihre Geschichte zu erzählen.

Grundlage ist ein Briefwechsel, den ich seit dem Spätherbst des Jahres 2000 mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus Polen, Russland und der Ukraine geführt habe. Bei der Vermittlung der Anschriften halfen die Partnerorganisation der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" in Warschau, Frau Menzel von der Stadt Hameln sowie Frau Schaper vom Archiv des Landkreises Hameln-Pyrmont. Herr Dr. Keller-Holte stellte wertvolle Informationen aus der detaillierten Zwangsarbeits-Datenbank zur Verfügung, die er erarbeitet hat.

Insgesamt 115 Briefschreiberinnen und Briefschreiber waren bereit, an Hand eines Fragebogens ihr Schicksal in Deutschland zu beschreiben, davon stammte die Mehrzahl aus Polen. Das Gros der Briefe kam in den Jahren 2001 und 2002. Vereinzelt treffen Briefe auch noch heute ein. In fünf Fällen konnte ich ausführliche Interviews mit Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern führen, die Hameln in den letzten Jahren besucht haben.

Viele der Schreiberinnen und Schreiber haben mehrere Seiten umfassende Briefe geschrieben und Dokumente, wie Arbeitskarten und Fotos, beigelegt. Mehrere umfangreiche Tagebücher bzw. Berichte wurden geschickt; außerdem ein Buch von mehr als 250 Seiten, das die Verschleppung einer Familie aus Warschau nach Hameln in den Einzelheiten darstellt.

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Bedanken möchte ich mich hier bei all jenen, die die Übersetzungen aus dem Polnischen und Ukrainischen gemacht haben. Ca. 300 Briefe mussten ins Deutsche übersetzt und ebenso viele Antworten ins Polnische und Ukrainische übertragen werden.

In einigen Briefen fand sich die Bitte, Dokumente wie Geburtsurkunden oder Taufscheine zu beschaffen. Mehrere Briefe baten um Hilfe bei der Beschaffung von Nachweisen über Aufenthalt und Arbeit in Hameln, zwingend erforderlich für die Erlangung der Entschädigung. In den meisten Fällen konnten diese Bitten erfüllt werden. So hat sich in mehreren Fällen ein längerer Briefwechsel entwickelt.

Die angeschriebenen Personen waren dankbar dafür, nach Deutschland berichten zu können. Einzelne baten darum, Grüße an die Kinder und Enkel ihrer ehemaligen Arbeitgeber auszurichten. Für die Allermeisten war es jedoch eine schlimme, als traumatisch erlebte Zeit, die bis heute nicht ganz verarbeitet ist. Deswegen wäre eine Einladung an den Ort der Zwangsarbeit wichtig, um den tiefen Einschnitt im Leben, den die erzwungene Arbeit darstellt, zu verarbeiten.

Ganz junge Menschen wurden damals zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert, häufig Kinder von 15-16 Jahren. Der Altersdurchschnitt der Ostarbeiterinnen liegt 1944 bei 21 Jahren, und da waren viele bereits seit zwei Jahren in Deutschland. Um dies ein wenig zu verdeutlichen, lesen heute Schülerinnen und Schüler aus den Briefen.

Die Existenz ausländischer Arbeitskräfte gehörte selbstverständlich zum Alltag des Krieges. Das Bewusstsein für das Unrecht, das diesen Menschen angetan wurde, entwickelte sich in Deutschland erst innerhalb der letzten zehn Jahre.

Die Menschen, die drei, oft vier Jahre in Deutschland gearbeitet haben, dabei ihre Jugend verloren und bisweilen bleibende gesundheitliche und seelische Schäden davon getragen haben, werden nun von der Industrie und der Bundesrepublik Deutschland entschädigt.

Wer in der Industrie beschäftigt war, erhält 1500 bis 2500 Euro, wer in der Landwirtschaft gearbeitet hat, bekommt 750 bis 1500 Euro, wer in Kleinbetrieben oder im Haushalt tätig war, geht wahrscheinlich leer aus.

Diese "Entschädigung" bekommt nur, wer seinen Aufenthalt in Deutschland mit geeigneten Dokumenten nachweisen kann. Zahlreichen Antragstellern gelingt dieser Nachweis nicht.

Die Entschädigung wird, solange die Zahl der berechtigten Antragsteller nicht feststeht, nur zu einem Teil, zu etwa zwei Dritteln, ausgezahlt.

Etwas zu den Fotos:

Die meisten der Fotos sind entstanden, als die Verschleppten bei der Ankunft in Hameln für die Ausstellung von Ausweisen und Aufenthaltsbescheinigungen fotografiert wurden. Nummern und Kennzeichen sind deswegen auf ihrer Kleidung befestigt.

 


Russin in Tracht

Einige Fotos hatten die Verschleppten auch aus der Heimat mitgebracht.

 

 


"Ostarbeiter" an der Werkbank

Ganz selten sind Fotos, die Menschen während der Arbeit oder im Lager zeigen. Die schrecklichen Unterkünfte, den Hunger, den langen Arbeitstag in der Industrie vermitteln die Fotos nicht.
 

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Jahre im Rückblick

© Bernhard Gelderblom Hameln