Zwangsarbeit in Hameln und im Kreis Hameln-Pyrmont
"Gesichter" - Ausländische Zwangsarbeit
in und um Hameln 1939-1945
Kap. 18 Eindrücke aus einer Besuchsreise zu ehemaligen
Zwangsarbeitern
in Polen Ostern 2005
Die Fotos entstanden auf einer Reise von Bernhard
Gelderblom und Magda Bilska (als Dolmetscherin) zu ehemaligen Zwangsarbeitern
nach Polen im März 2005. Die Fahrt diente der Vorbereitung des Besuches
der ehemaligen polnischen Zwangarbeiter im September 2005 in Hameln.
Bronislawa K.
Bronislawa K. wurde am 8. Dezember 1943 im "Ostarbeiter"-Lager
der Domag in Hameln geboren. Ihre Großmutter schmuggelte den Säugling
aus dem Lager, in dem entsetzliche Zustände herrschten, und brachte
ihn nach Thorn. Bronislawa K. lebt heute in ärmlichen Verhältnissen
in Thorn.
In der Kindheit war ich oft und schwer krank. Ich
konnte mich nicht so freuen wie andere Kinder. Von Kindheit an leide
ich unter Atemnot. Das Bein, das verletzt wurde, damit habe ich bis
heute Schwierigkeiten. Ich konnte nie richtig arbeiten, denn ich war
mehr krank, als ich arbeiten konnte. Deswegen konnte ich mir auch keine
Rente erarbeiten. Ich lebe in ärmlichen Verhältnissen nur von der Rente
meines Mannes. Nicht immer reicht es für Medikamente.
Die Kinder von Zwangsarbeitern sollten auch eine
Entschädigung bekommen. Heutzutage denkt man an sie nicht mehr. Deswegen
bitte ich Sie, in ihrer Arbeit auch an diese Kinder zu erinnern. Ich
empfinde keinen Hass, zu gar keinem, weil der deutsche Herr zusammen
mit meiner Oma mein Leben rettete. Einige haben mich verletzt, andere
haben mich gerettet.

Boguslaw W.
Boguslaw W. kam im Alter von 15 Jahren nach Hameln.
Er lebt heute in Swiecie.
Ich habe in der Fabrik Domag seit Ende April 1942
bis Kriegsende im April 1945 gearbeitet. Insgesamt habe ich dort 36
Monate gearbeitet.
In der Fabrik hatte ich eine Nummer: 1747. Wir arbeiteten
in zwei Schichten je 12 Stunden eine Schicht. Am schlimmsten war die
Nachtschicht. Nach der Arbeit konnte man sich kaum auf den Beinen halten.
36 Monate in Hameln für einen 15jährigen Jungen
waren eine Tragödie. Weg von zu Hause, schlimme Lebensverhältnisse,
schwere Arbeit. Der Aufenthalt in Hameln hat bleibende Spuren hinterlassen,
nicht nur gesundheitliche, sondern auch in meiner Seele. Das alles kann
man nicht beschreiben, das muss man erlebt haben.

Ehemalige Zwangsarbeiter aus Hameln-Pyrmont,
die heute in Warschau leben
Quelle: alle Fotos Gelderblom
Macius K.
Macius K. (obere Reihe, links) wurde 1944 im Alter
von fünf Jahren zusammen mit seiner Mutter nach Hameln deportiert. Er
lebt heute in Warschau. Seine inzwischen verstorbene Mutter hat über
die Kriegszeit ein umfangreiches Buch geschrieben, in dem sie über den
Warschauer Aufstand, die Deportation ihrer Familie nach Deutschland,
ihre Zeit in Hameln und die Verschleppung ihres Mannes in verschiedene
Konzentrationslager berichtet.
Wenn ich in einer Sonderkommission zur Beurteilung
der Schuld der Deutschen gewesen wäre, dann würde ich neben einer Anklage
wegen Völkermord auch eine Anzeige erstatten, dass die Deutschen uns
dadurch gequält haben, dass sie uns nicht genug zum Essen gaben.
Es geht mir nicht so sehr um uns Erwachsene, sondern
um die kleinen, unschuldigen Kinder. Es wurden damals keine Tonaufnahmen
gemacht; sonst könnte man jetzt alles wiedergeben. Diese Bettelei! Wenn
man selbst hungrig ist, ist das eine Qual, und wenn man dann noch das
eigene Kind hungern sieht und hören muss, wie es um Essen bettelt, und
man hat nichts für das Kind – ein Entsetzen!

Juliusz K.
Juliusz K. (obere Reihe, 2. von links) wurde 1933
in Warschau geboren und im Alter von 11 Jahren nach Hameln verschleppt.
Er lebt heute in Warschau.
Am 9. August 1944 hat man unsere ganze Familie,
fünf Personen, in das Lager nach Pruszkow gebracht. Zu der Zeit war
ich 11 Jahre alt. Wir waren dort in großen Hallen untergebracht. Am
nächsten Tag hat man alle, die dort waren, gezählt und aussortiert.
Die Alten und Kranken kamen ins Krankenhaus. Meine Oma war dabei. Ich
habe sie nie wieder gesehen. Die Männer kamen nach Dachau in das Konzentrationslager.
Mein Vater und mein Onkel kamen nach Dachau. Sie sind dort zu Tode gekommen.
Meine Mutter und ich, wir sind dann nach langer
Fahrt ohne Verpflegung wiederum in ein Lager nach Oranienburg gekommen.
Dort wurde aufs Neue sortiert. Die nächste Station war das Konzentrationslager
Bergen-Belsen. Dort waren auch sehr schlechte Verhältnisse; wir haben
Schlimmes erlebt. Von Bergen-Belsen kamen wir nach Hameln.
Zofia P.
Zofia P. (untere Reihe Mitte) wurde als 16jähriges
Mädchen nach Hameln zur Arbeit bei den Wollwarenfabriken Marienthal
verschleppt. Sie lebt heute in Warschau.
Ein besonderes Ereignis war, dass unsere Chefin
nach zehn Tagen Arbeit festgestellt hat, dass wir für diese Arbeit in
der Wäscherei zu schwach waren. Sie hat uns der Gestapo gemeldet, dass
wir Sabotage ausüben würden. Wir wurden dann ins Fabrikbüro gerufen
und jede von uns bekam durch die Polizei als Strafe Schläge.
Die Rückkehr in die Heimat war erst im Juli 1946
möglich. Meine Mutter bekam per Bote schlechte Nachrichten aus Polen:
ihre Eltern waren erschossen, der Bruder war als vermisst gemeldet und
der Mann kam im KZ um. Meine Mutter wurde schwer herzkrank und aus diesem
Grunde konnte wir nicht eher nach Polen zurück fahren. Unsere Wohnung
in Warschau war ausgebrannt.

Zofia T.
Zofia T. (untere Reihe links) wurde im Alter von 14
Jahren zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder nach Hameln verschleppt.
Sie lebt heute in Warschau.
Ich arbeitete bei den Vereinigten Wollwarenfabriken
an einer Maschine, an der Decken fürs Militär gewebt wurden. Meine Aufgabe
war, zerrissene Fäden zusammenzuknoten. Diese Arbeit musste schnell
verrichtet werden, während die Maschine in Betrieb war. Für ein vierzehnjähriges
Mädchen war die Arbeit anstrengend und gefährlich.
Meine Familie sowie zwanzig andere Frauen mit ihren
Kindern, zusammen etwa 70 Personen, wohnten im Arbeitslager der Vereinigten
Wollwarenfabriken. Unsere Wohnstätte war in einer leeren Fabrikhalle
eingerichtet, in der nur ein oder zwei Öfen standen, die kaum die Halle
erwärmen konnten. Zum Waschen waren zwei oder drei Waschbecken mit kaltem
Wasser installiert. Unsere Schlafstätte bestand aus einstöckigen Pritschen.
Die Strohsäcke waren ohne Betttücher. Zum Zudecken bekamen wir sehr
dünn gewebte Decken, ohne Wollanteil. Ratten und Mäuse waren unsere
ständigen Gäste.
Ein böser Geist des Lagers war ein SS-Offizier,
der keine Uniform trug. Es kam vor, dass manche Frauen von ihm geschlagen
wurden mit dem Vorwurf, dass sie zu wenig arbeiteten würden. Das Schlimmste
im Lager war der Hunger.
Henryk O.
Henryk O. (untere Reihe rechts) wurde 1942 im Alter
von 18 Jahren nach Deutschland verschleppt. Er wurde in Lodz geboren
und lebt heute in Warschau.
Es war ein sonniger Tag, der 11. April 1942. Während
der Arbeit wurden wir aus der Fabrik auf den Hof geholt. Auf dem Fabrikhof
hat man uns in einer Reihe aufgestellt. Ein deutscher Beamter vom Arbeitsamt
ging an uns vorbei und wählte nur junge Männer aus. Nach kurzer Zeit
kamen Lastkraftwagen und so, wie wir da standen, mussten wir einsteigen.
Wir wurden in eine alte Textilfabrik in der Kopernikusstraße
transportiert. Dort war ein Übergangslager auch für viele andere Personen
aus Lodz. Unsere Familien haben keine Nachricht bekommen, was mit uns
passierte. Zwei Tage lang waren wir in diesem Lager, ohne Essen und
Trinken. Wir wussten nicht, warum wir da festgehalten wurden und was
mit uns weiter geschehen sollte. Wir mussten auf dem nackten Boden schlafen.

Maria Z.
Maria Z. (Bild Mitte) wurde 1925 in Russland geboren
und lebt heute in Lodz. Sie musste mit Eltern und sechs Geschwistern
auf der Domäne Aerzen arbeiten.
Ich habe eine Abfindung von 2.000 DM bekommen. Das
ist für mich sehr erniedrigend. In der Landwirtschaft war die Arbeit
nämlich auch sehr schwer.
Jerzy J.

Jerzy J. wurde 1936 in Wilczkow, Regierungsbezirk
Posen, geboren. Zusammen mit seinen Eltern und seinem Bruder wurde er
nach Hajen, Landkreis Hameln-Pyrmontyrmont, deportiert. Jerzy J. lebt
heute als Landwirt in Wilczkow.
In Hajen kamen wir zu den Herrschaften B. in die
Landwirtschaft. Meine Eltern haben dort auf dem Felde gearbeitet. Wir
wurden gut behandelt, die Wohnverhältnisse und die Ernährung waren gut.

Jozef I.

Jozef I. wurde 1925 im Dorf Socha geboren und kam
mit 17 Jahren als Kriegsgefangener nach Hemeringen zu einem Bauern.
Er lebt heute in Socha.
Ich kam am 3. März 1943 auf dem Bauernhof an. Das
Essen war nicht gut. Wir haben gehungert. Manchmal ist es uns gelungen,
gedämpfte Kartoffeln aus dem Schweinekessel zu klauen.
Dort waren noch andere Arbeiter außer mir, eine
Ukrainerin, ein Pole und ein Deutscher als Aufpasser. Die Arbeit war
schwer. Es waren acht Kühe zu melken, alles mit der Hand. Für unsere
Arbeit bekamen wir ein Taschengeld von 20 Mark im Monat. Für meine Kleidung
musste ich selbst sorgen in den drei Jahren, die ich dort war. In den
drei Jahren habe ich keinen Urlaub bekommen, um meine Angehörigen zu
besuchen.
Janina B.

Janina B. wurde 1939 im Dorf Baszkow geboren und 1943
zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder auf einen Hof im Landkreis
Hameln deportiert. Sie lebt heute in Baszkow.
Im Mai 1946 ist die Familie in ihr Heimatdorf Baszkow
zurückgekehrt. Hier trafen wir nur Trümmer an. Unsere Landwirtschaft
war zwei Jahre nicht bestellt und die Einrichtung war ausgeraubt worden.
Wir mussten von Null anfangen.
Mein Vater hat nach einem Jahr wieder geheiratet.
Ich hatte eine Stiefmutter, die mich nicht verwöhnte. So manchen Tag
saß ich in der Ecke und weinte. Mein Vater, vom Kriegsgeschehen geschwächt,
konnte mir kleinem Kind keine Zuwendung mehr geben. Als Kind war ich
sehr schüchtern, hatte vor jedem Angst und das Gefühl, minderwertig
zu sein.
Die fehlende Mutterliebe und die Sehnsucht nach
Geborgenheit werfen noch heute einen Schatten auf mein Leben. Wenn nicht
der Krieg und das Herumirren der Familie gewesen wären, hätte meine
Mutter noch leben können. Das Leben meiner Familie wäre anders verlaufen.
Ich hätte eine Mutter und meine Kinder hätten eine Oma.

Janina Z.
Janina Z. wurde am 22. Juni 1942 auf einem Bauernhof
in Coppenbrügge geboren. Sie lebt heute in Burzenin.
Ich bin am 22. Juni 1942 in Coppenbrügge geboren.
Meine Eltern wurden im Jahr 1940 aus unserem Dorf Strzalki, Kreis Sieradz,
ausgesiedelt und mussten auf einem Bauernhof in Coppenbrügge arbeiten.
Als ich geboren wurde, musste meine Mutter trotzdem
arbeiten gehen, und zwar zwei Kilometer weiter weg im Feld. Alle drei
Stunden musste meine Mutter zu Fuß vom Feld nach Hause gehen, um mich
zu stillen. Ich habe eine sehr schlimme Kindheit gehabt. Keiner hat
auf mich aufgepasst. Ich lag allein im Bett. Meine Mutter erzählte mir
manchmal, dass sie sehr oft geweint hat, weil sie ihr Kind allein lassen
musste. Sie dachte, dass ich es nicht überleben würde.
Ich hoffe immer noch, dass ich meinen Geburtsort
besuchen kann. Leider habe ich es bis jetzt noch nicht geschafft. Ich
habe kein Geld dafür.
Irena B.
Irena B. wurde 1940 im Alter von 17 Jahren nach Bad
Pyrmont deportiert. Sie lebt heute in Posen. Für ihre Kinder hat sie
vor einigen Jahren einen ausführlichen Bericht über ihren Aufenthalt
in Deutschland geschrieben.
Ich möchte nicht mehr an die Zeit damals denken,
aber die Erinnerungen sind noch sehr stark vorhanden. Das waren fünf
verlorene Jahre meiner Jugend.
Tadeusz S.
Tadeusz S. wurde 1944 in Hameln geboren. Er lebt heute
in Liegnitz, Polen.
Ich bin am 10. März 1944 im Hamelner Krankenhaus
geboren worden. Mein Vater Stanislaw und meine Mutter Bronislawa wurden
1940 aus Polen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschickt. Dort arbeiteten
sie bis 1945 in der Landwirtschaft in Dehmkerbrock. Aus den Berichten
meiner Eltern weiß ich, dass sie schwer arbeiten mussten.
Ich habe an Sie eine Bitte. Könnten Sie vielleicht
meine Geburtsurkunde und meinen Taufschein erlangen. Ich wäre Ihnen
dankbar, wenn ich sie bekäme. Ich würde auch mehr erfahren wollen über
die Stadt, in der ich als Kind meiner Eltern während ihrer Zwangsarbeit
geboren wurde.


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