Zwangsarbeit in Hameln und im Kreis Hameln-Pyrmont
"Gesichter" - Ausländische Zwangsarbeit
in und um Hameln 1939-1945
Kap. 15 "Mein Leben wäre anders verlaufen." –
Auswirkungen
auf das spätere Leben
Die meisten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter
beklagen, dass die Jahre in Deutschland ihnen die Jugend genommen haben.
Die Zeit der Zwangsarbeit in Deutschland fiel bei den meisten in die
entscheidende Lebensphase der schulischen oder beruflichen Ausbildung.
Häufig mussten sie die Ausbildung abbrechen. Oft kam es gar nicht erst
zu einer Berufsausbildung.
Die Aufbaujahre nach der Rückkehr in die Heimat waren
so schwierig, dass an ein Nachholen oder Fortsetzen der Ausbildung zumeist
gar nicht zu denken war. Dadurch hat die Zwangsarbeit häufig lebenslange
Folgen für die berufliche Qualifikation gehabt und wirkt sich heute
nachteilig auf die Rentenhöhe aus.
Wegen der schlimmen Umstände des Arbeitseinsatzes
und der mangelnden Ernährung haben viele Menschen bleibende physische
und psychische Schäden erlitten. Viele hatten zudem um Mitglieder ihrer
Familie zu trauern, die während des Krieges umgekommen oder ermordet
worden waren. Die damals erlittenen körperlichen und seelischen Schäden
äußern sich bis heute in psychosomatischen Störungen und frühzeitiger
Alterung.
Verbitterung und Trauer kennzeichnen bis heute die
Erinnerung an die Jahre in Deutschland, zumal das dort zugefügte Leid
auch in Polen keine öffentliche Anerkennung fand, sondern von Seiten
des Staates auf Misstrauen traf. Von den leidvollen Erfahrungen, die
die sowjetischen Zwangsarbeiter nach ihrer Heimkehr durch staatliche
Diskriminierung und Verfolgung machen mussten, möchte man gar nicht
reden.
Gleichwohl ist doch bei vielen, die Briefe geschrieben
haben, das Bemühen erkennbar, die Deutschen differenziert zu beurteilen
und auch für deren Leid während des Krieges Verständnis zu entwickeln.

Frau Janina B., geb. am 3. Mai 1939 im Dorf Baszkow,
Kreis Sieradz, Polen.
Heute bin ich neidisch auf meine Enkelkinder, dass
sie eine so schöne Kindheit haben, die mir nie vergönnt war. Wenn ich
auf die Kinder schaue, spüre ich, was mir der Krieg geraubt hat. Meine
unbeschwerte Kindheit war mit dem Tod meiner Mutter im Jahre 1943 beendet.
Das sind meine verbitterten Erinnerungen aus meiner Kindheit.
Herr Czeslaw B., geb. im Jahre 1923 in Lodz, Polen.
Als ich nach Polen zurückkam, war ich ein kranker
Mensch. Ich hatte Tuberkulose. Es war für uns Polen eine schlechte Zeit.
Wundern Sie sich nicht, dass wir immer noch feindlich gegen die Deutschen
gesinnt sind.
Frau Florentyna K., geb. am 19. Juni 1920 in Gnesen,
Wojewodschaft Posen, Polen.
Die schönsten Jahre meines Lebens hat mir der Krieg
durch die für meine Jugendjahre zu schwere Arbeit geraubt. Heute mit
meinen 82 Jahren lebe ich sehr bescheiden, denn ich beziehe eine kleine
Altersrente, wovon ich den größten Teil für Arzneimittel ausgeben muss.
Frau Irena M., geb. am 2. August 1922 in Wegorzewo,
Wojewodschaft Posen, Polen.
Es ist schwer zu sagen, was ich in dieser Zeit durchgemacht
und erlebt habe. Ich möchte erwähnen, dass nicht alle Deutschen böse
zu uns waren.
Es ist viel Zeit verflossen und heute sehe ich alles
mit anderen Augen. Ich hoffe, dass eine ähnliche Zeit nicht wiederkehrt.
Frau Zofia O., geb. am 13. Januar 1927 in Brzeg, Kreis
Turek, Polen.
Ich durchlief sechs Klassen der allgemeinen Schule
und war bei meiner Deportation nach Deutschland 12 Jahre alt. Eine weitere
Ausbildung unterbrach der Krieg. Dadurch erlernte ich keinen Beruf.
Nach der Befreiung habe ich geheiratet. Für die Schule oder für eine
Ausbildung hatte ich keine Zeit mehr. Ich habe drei Söhne zur Welt gebracht
und habe bis zum Rentenalter als Spinnerin gearbeitet.
Frau Anna S., geb. am 8. Juli 1920 in Lednogora, Kreis
Gnesen, Wojewodschaft Posen, Polen.
Die Zeit in Deutschland habe ich in schlechter Erinnerung.
Meine Jugendzeit ist mir genommen worden. Bis heute fühle ich Hass im
Herzen. Verzeihen Sie, dass ich Ihnen geschrieben habe. Es ist mir jetzt
leichter ums Herz.
Herr Boguslaw W., geb. am 11. Januar 1927 in Swiecie,
Polen.
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Boguslaw W. wurde im Alter von 15 Jahren
aus Polen nach
Hameln verschleppt. Er lebt heute in Swiecie, Polen.
Foto: Gelderblom |
36 Monate in Hameln für einen fünfzehnjährigen Jungen waren
eine Tragödie. Weg von zu Hause, schlimme Lebensverhältnisse,
schwere Arbeit. Der Aufenthalt in Deutschland hat bleibende
Spuren hinterlassen, nicht nur gesundheitliche, sondern auch
in meiner Seele. Das alles kann man nicht beschreiben, das muss
man erlebt haben.
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