Zwangsarbeit in Hameln und im Kreis Hameln-Pyrmont
"Gesichter" - Ausländische Zwangsarbeit
in und um Hameln 1939-1945
Kap. 6 "Mich hat eine Frau namens Emma K. genommen." –
Die
"Arbeitsbörse" in Hameln
Unternehmer und Behörden, Handwerker, Kaufleute und
Bauern, schließlich auch die Privathaushalte meldeten ihren Arbeitskräftebedarf
beim Arbeitsamt. Für Unternehmer und Handwerker war es vorteilhaft,
dabei eine Bestätigung des zuständigen Rüstungskommandos beizufügen,
dass ihre Fertigung kriegswichtig sei. Das Arbeitsamt stufte die Dringlichkeit
ein und teilte entsprechend Arbeitskräfte zu. Im Prinzip sollte dabei
auf etwa vorhandene berufliche Fähigkeiten geachtet werden. Auch sollten
Familien nicht auseinander gerissen werden. In der Praxis wurde darauf
jedoch wenig Rücksicht genommen. Häufig wurden Familien getrennt und
ihre Mitglieder in ganz entfernten Orten eingesetzt.
Das Arbeitsamt sorgte für die Ausstellung des "Arbeitsbuches
für Ausländer". Dafür mussten die Ankömmlinge fotografiert werden.
In Hameln holten sich die Unternehmer, die größere
Kontingente zugewiesen bekommen hatten, ihre Zwangsarbeiter nach entsprechender
Benachrichtigung am Bahnhof ab.
Für kleinere Arbeitgeber existierte die Institution
der "Arbeitsbörse". Bauern, Haushaltsvorstände, Kleinunternehmer und
Handwerker kamen zum Bahnhof oder zum Arbeitsamt in der Deisterstraße
18 (damals Adolf-Hitler-Straße) und suchten sich "ihre" Arbeitskraft
aus. Diese Situation ist von den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern
als besonders erniedrigend erlebt worden und wird immer wieder in den
Briefen geschildert.
Wen das Arbeitsamt nicht sofort vermitteln konnte,
der wurde übergangsweise in einer Lagerhalle oder Scheune untergebracht.
Sie muss nach den Schilderungen in den Briefen im Bereich des Weserhafens
gelegen haben.
Arbeitsbuch für Ausländer
für Filip M. aus den besetzten Ostgebieten.
Quelle: StA Hameln

Frau Ljudmila I., geboren 1926 im Dorf Michailjutschka,
Ukraine.

Und so kamen wir in Hameln an. Man jagte uns aus
den Waggons und scheuchte uns in einen großen Lagerraum. Dorthin kamen
mehrere Herren und wählten diejenigen aus, die ihnen gefielen. Mich
nahm der Bauer Wilhelm W. mit nach Afferde in sein Haus.
Frau Merem I., geb. am 21. Mai 1929, Simferopol/Krim,
Ukraine.
Wir kamen in die Stadt Hameln. In der Stadt wurden
wir in ein Gebäude gebracht. Dorthin kamen Landwirte und nahmen uns
zur Arbeit auf ihren Hof. Mich hat eine Frau namens Emma K. genommen.
Sie hat mich in einem Kastenwagen mit eingespanntem Pferd in das Dorf
Tündern gebracht.
Herr Mikola Nikolajewitsch P., geb. am 17. Mai 1927
im Dorf Bude-Orlova, Gorodischtschengkier Bezirk, Kiewer Gebiet, Ukraine.
Wir kamen in die Stadt Hameln. Alle wurden eingeteilt
– in die Fabriken, zu den Wirten. Ich blieb allein, da ich klein war.
Niemand wollte mich nehmen.
Drei Tage verbrachte ich in der Baracke mit Ratten.
Ich hatte Angst vor ihnen und verbrachte den größten Teil des Tages
am Ufer eines Flusses, der wie ein Kanal aussah. Der Kai war mit Steinen
ausgekleidet. So saß ich und beobachtete die vielen Fische im Fluss.

Herr Stanislaw D., geb. am 24. März 1926, lebt heute
in Posen, Polen.
Das Übergangslager in Hameln bestand aus einer Scheune.
Als Schlafstätte diente eine Heu- und Strohunterlage, in der auch Läuse
und Wanzen hausten. Das Lager hatte Platz für etwa 400 Personen. Unser
Essen bestand aus Trockenproviant. Die Wachmänner trugen gelbe Uniformen.
Das Lager lag im Südwesten von Hameln. Mein Aufenthalt in diesem Lager
betrug eine Woche.
Frau Monika K., geb. am 9. Februar 1912 in Warschau,
Polen.
Ich weiß nicht mehr, wie lange die Fahrt dauerte.
Die Bahnstation, an der wir ankamen, hieß Hameln. Wir wurden durch die
Stadt in einer Kolonne geführt. Man spürte die hasserfüllten Blicke
der Passanten und ab und zu hörte man: "Polnische Banditen", "Warschauer
Aufständische".
Als erstes wurden wir fotografiert und wir bekamen
Nummern. Die nächste Etappe war das Arbeitsamt. Gleich auf der Straße
suchten sich die Deutschen die Arbeitskräfte aus. Sie schauten sich
unsere Hände darauf an, ob man arbeitsfähig war. Meine Gruppe wurde
schließlich von einem Deutschen weggeführt. Wir wussten nicht, wie es
weitergehen würde.
Kap. 6.1 Die Fotografien der Zwangsarbeiter
Viele der Fotos, welche die Ausstellung zeigt, entstanden,
als die nach Deutschland Verschleppten bei der Ankunft in Hameln für
die Ausstellung von Erfassungs- und Arbeitspapieren fotografiert wurden.
Deswegen sind häufig Nummern und Kennzeichen auf ihrer Kleidung befestigt.
Einige Fotos hatten die Verschleppten auch aus ihrer
Heimat mitgebracht, kenntlich z.B. an Schmuck und Trachtenblusen.
Ganz selten sind Fotos, die Menschen während der Arbeit
oder im Lager zeigen.
Die schrecklichen Unterkünfte, den Hunger und den
langen Arbeitstag vermitteln die Fotos nicht. Allenfalls deuten Mimik
und Gesichtszüge auf eine Leidensgeschichte hin.
Die Fotos sind den Anmeldeunterlagen entnommen, die
im Kreisarchiv Hameln-Pyrmont aufbewahrt werden.


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