Zwangsarbeit in Hameln und im Kreis Hameln-Pyrmont
"Gesichter" - Ausländische Zwangsarbeit
in und um Hameln 1939-1945
Kap. 3 Die Kriegsgefangenen
Kap. 3.1 Kriegsgefangene und ihre Lager
Aus nahezu allen Ländern, gegen die Deutschland Krieg
führte, waren Kriegsgefangene in der Stadt und im Landkreis vertreten:
aus Polen, Frankreich und Belgien, Serbien, der Sowjetunion und schließlich
aus Italien.
In insgesamt 44 Landkreisgemeinden und in Bad Pyrmont
gab es Kriegsgefangenenlager, allein in der Stadt Hameln waren es acht.
Die Zahl der Gefangenen mag zeitweise bei 2000 Mann gelegen haben, davon
über 650 in Hameln. Insgesamt haben noch weit mehr Gefangene die Lager
durchlaufen.
Die Hamelner Kriegsgefangenen kamen aus dem großen
Stammlager (Stalag) XI B in Fallingbostel. Sie wurden dort "Arbeitskommandos"
zugeteilt, die in der Regel 20 Mann zählten, in großen Kommandos auch
50 oder mehr, und auf Städte und Dörfer verteilt.
Als Lagerstandorte dienten in den meisten Dörfern
Gasthaussäle, in Hameln Baracken und andere Räumlichkeiten von Fabriken.
Viele Lager waren so genannte Gemeinschaftslager, d.h. die Insassen
kamen bei verschiedenen Betrieben zum Einsatz, auf dem Land in der Regel
bei verschiedenen Bauern. Größere Firmen unterhielten eigene Lager.
Der Lagerführer von Groß Berkel, der Gefreite Höppner
von der 4. Kompanie des Landesschützenbataillons Nr. 719, schilderte,
wie zwei Wachleute die 20 polnischen Gefangenen unter Kontrolle hielten:
"Morgens würden die Gefangenen von den beiden Wachmännern
vom Lager zu den einzelnen Arbeitsstätten hingebracht und während des
ganzen Tages führen nun die beiden Wachmänner auf Fahrrädern in der
Feldmark bezw. auf den Höfen herum und übten so die Kontrolle über die
Gefangenen aus.
Nachdem die Gefangenen Feierabend und gegessen hätten,
holten die Wachmänner jeden einzelnen Gefangenen von der Arbeitsstätte
ab und brächten sie geschlossen zum Lager zurück."

Jedes Lager war durch Stacheldraht und Vergitterungen
nach außen abgeschlossen und wurde von bewaffneten Wehrmachtsangehörigen
bewacht; es hatte über einen separaten Zugang und eigene Wasch- und
Abortgelegenheiten zu verfügen. Kontakte der Gefangenen zur Zivilbevölkerung
waren verboten.
Die
Kriegsgefangenen standen unter dem Schutz der Genfer Konvention. Soweit
sie keine Offiziere waren, mussten sie arbeiten, hatten aber auch Anspruch
auf eine angemessene Behandlung und Unterbringung. Machten sie sich
strafbar, unterstanden sie allein der Militärjustiz.
Krasse Fälle von Misshandlungen, wie sie bei Zivilarbeitern
vorkamen, finden wir bei Kriegsgefangenen nicht. Eine Ausnahme machten
allerdings die sowjetrussischen Gefangenen, denen die Wehrmacht die
Schutzrechte der Genfer Konvention verweigerte.
Das Lager für serbische Kriegsgefangene
in Baarsen war im Gasthaus Pfennig untergebracht.
Davor steht die Tochter des Gastwirts.

Kap. 3.2 Polnische Kriegsgefangene
Keine zwei Wochen nach dem deutschen Überfall auf
Polen meldete der Landkreis Hameln-Pyrmont einen Bedarf von knapp 900
Kriegsgefangenen. 640 würden die Bauern in der Kartoffel- und Rübenernte
einsetzen wollen. Diese Männer sollten an 13 "Unterbringungsorten" stationiert
werden, von denen aus auch umliegende Dörfer Arbeitskräfte erhalten
sollten.
Über 100 Gefangene würden für Drainagearbeiten in
Grupenhagen und Dörfern bei Coppenbrügge benötigt. Für 110 Polen hätten
Betriebe wie die Vereinigten Osterwald-Salzhemmendorfer Kalkwerke und
das Holzwerk Bock in Oldendorf Verwendung.
Im Oktober und November 1939 trafen allerdings nur
330 Polen am Güterbahnhof Hameln ein. Per Lkw wurden sie in die Dörfer
gebracht. Schließlich hatten 24 Gemeinden Lager mit polnischen Gefangenen.
Die polnischen Kriegsgefangenen wurden fast ausschließlich
in der Landwirtschaft eingesetzt. Darin liegt auch begründet, warum
fast keine polnischen Gefangenen in Hameln stationiert wurden.
Ab Frühjahr 1940, als die Wehrmacht in Frankreich
und Belgien zahlreiche neue Gefangene gemacht hatte, erhielten die meisten
Polen, ob sie wollten oder nicht, den Status von zivilen Arbeitern.
In der Regel blieben sie bei dem Bauern, bei dem sie auch vorher gearbeitet
hatten. Ende 1941 gab es im Landkreis nur noch knapp 100 polnische Kriegsgefangene.
Weihnachtsfeier im polnischen Kriegsgefangenenlager
Grupenhagen
mit zwei deutschen Bewachern.
Quelle: Briefe

Kap. 3.3 Französische Kriegsgefangene
Nach dem Sieg der Wehrmacht über Frankreich im Sommer
1940 wurden über 1000 französische Kriegsgefangene und einige Hundert
Belgier in sieben Lagern in Hameln und in fast 30 Gemeinden des Landkreises
stationiert.
Zeitweise über 400 Gefangene mussten in den großen
Rüstungsfabriken in Hameln arbeiten, einige waren bei kleinen Firmen
oder der Stadtverwaltung tätig. Im Landkreis wurden die Gefangenen zum
größten Teil in Land- und Forstwirtschaft eingesetzt.
Der Eroberungskrieg gegen die Sowjetunion band ab
Sommer 1941 Millionen deutscher Soldaten und damit Arbeitskräfte, was
einen wachsenden Bedarf an ausländischen Arbeitskräften in Deutschland
zur Folge hatte. Um auch Zivilarbeiter aus Frankreich zu bekommen, wurden
den Kriegsgefangenen Erleichterungen wie Ausgang bei guter Führung und
Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung gewährt. Sie durften Vertrauensmänner
aus ihrer Mitte bestimmen. Auf Lkw-Inspektionsfahrten konnten Offiziere
der Regierung Petain, die mit Deutschland kollaborierte, Versorgungspakete
aus der Heimat verteilen.
Im Frühjahr 1942 besuchte ein "Petain-Lkw" die Lager
in Hameln und bis Aerzen sowie in Bad Pyrmont. Der knappe, durchaus
auch kritische Bericht des verantwortlichen Offiziers vermittelt einen
flüchtigen Eindruck von den Zuständen in 14 Lagern.
Angesichts der relativ humanen Behandlung sahen sich
französische Gefangene zu recht selbstbewusstem Auftreten in der Lage;
kleinere Widersetzlichkeiten oder Vergehen konnten sie sich ohne Angst
vor strenger Bestrafung herausnehmen.
Durch relativ laxe Bewachung und häufige Außeneinsätze
begünstigt, kam es zu mehreren Fluchtversuchen aus Hamelner Lagern.
Französische Kriegsgefangene im Lager Kaminski
(Hameln)
bei Konzert- und Theateraufführungen.
Quelle: Privat

Kap. 3.4 Sowjetische Kriegsgefangene
Die Millionen von Rotarmisten, die seit dem Sommer
1941 in deutsche Gefangenschaft gerieten, sollten ursprünglich nicht
als Arbeitskräfte im "Reich" eingesetzt werden, sondern als "Untermenschen"
dem Hunger-, Erfrierungs- und Erschöpfungstod preisgegeben werden. In
dem für Hameln-Pyrmont zuständigen Stammlager XI B Fallingbostel mussten
sowjetische Gefangene im Herbst und Winter 1941 im Freien kampieren
und kamen dabei massenhaft um.
Als der schnelle Sieg ausblieb und immer mehr Deutsche
eingezogen wurden, zeichnete sich ein Umdenken ab. Seit 1942 kam es
in großem Stil zum Arbeitseinsatz von sowjetischen Gefangenen in Deutschland.
Eine angemessene Behandlung, wie sie gegenüber Franzosen
und Belgiern praktiziert wurde, war allerdings nicht die Folge. Unter
Missachtung internationaler Bestimmungen blieben Hunger und Entbehrungen
sowie ein extrem harter Arbeitseinsatz ständige Begleiter der "Arbeitskommandos"
vor Ort. Entgegen den Bestimmungen mussten auch die sowjetischen Offiziere
arbeiten.
Kap. 3.4.1 Sowjetische Gefangene im Keller des
Pyrmonter Konzerthauses
Die ersten sowjetischen Gefangenen trafen noch 1941
in Bad Pyrmont ein und wurden ausgerechnet im Keller des Konzerthauses,
mitten im Herzen der Stadt, untergebracht. Ein Bretterzaun "schützte"
die Öffentlichkeit vor dem Anblick der Gefangenen.
Die ukrainische Zwangsarbeiterin Dorothea T. schildert
eine Begegnung mit den russischen Kriegsgefangenen, die im Konzerthaus
untergebracht waren:
"Mit den russischen Kriegsgefangenen hatte ich keinen
direkten Kontakt. Die Kriegsgefangenen waren im Keller des Konzerthauses
untergebracht. Von vornherein wurden sie gegen die Einwohner der Stadt
Pyrmont abgeschirmt. Ein Bretterzaun machte das Abgeschirmtsein perfekt.
Nur rein zufällig war eine Begegnung möglich.
Als ich eines Tages im Schuppen an der Straße Kartoffeln
zu sortieren hatte, kam die Kolonne dieser russischen Gefangenen unter
Bewachung vorbei. So unauffällig wie es nur möglich war, gaben sie Zeichen,
um ein paar Kartoffeln zu. bekommen. Manchen gelang es, einige Kartoffeln
in die Tasche zu stecken, andere bekamen die Gewehrkolben der Bewacher
zu spüren. Es schmerzte mich besonders, da es ja Menschen aus meiner
Heimat waren."
Sowjetische Kriegsgefangene waren durch ein
großes mit Ölfarbe
auf den Rücken gemaltes "SU" gekennzeichnet.
Quelle: Zwangsarbeit im Märkischen Kreis

Kap. 3.4.2 Fluchtversuche der sowjetischen Gefangenen
Um den miserablen und unmenschlichen Lebens- und Arbeitsverhältnissen
in den großen Lagern der Kalkwerke Salzhemmendorf, der Maschinenfabrik
Aerzen und der Rüstungsfabrik Kaminski in Hameln zu entgehen, wagten
immer wieder Gefangene einzeln oder in Gruppen die Flucht – ein aus
der Verzweifelung geborenes, schier aussichtsloses Unterfangen, das
teils tödlich endete.

Lichtbild des Hauptmanns Sergej K.
Im polizeilichen Fahndungsschreiben heißt es über ihn:
Hauptmann K., Sergej, geb. 7.9.1891 zu Kiew, Erkennungs-Nr. 86
Beschreibung: Siehe anliegendes Lichtbild. Ist mit englischer Uniform
bekleidet.
Quelle: KA Hameln-Pyrmont
Major B., Hauptmann K. und Oberleutnant A. flüchteten
in den frühen Morgenstunden des 23. August 1943 aus dem Lager Salzhemmendorf.
Der Dorfgendarm Mewes berichtet umgehend dem Landrat in Hameln:
Die Gefangenen haben an der Westseite des Lagers
den Stacheldraht mit einer Zange durchschnitten und sind so in den
an dem Lager befindlichen Wald entkommen. Da es stark regnete, konnten
Spuren der Fluchtrichtung nicht festgestellt werden. Die von dem
Unterzeichneten in Gemeinschaft mit der Landwacht vorgenommene Verfolgung
war ohne Erfolg. Die benachbarten Gendarmeriestationen wurden telefonisch
in Kenntnis gesetzt.
Quelle: KA Hameln-Pyrmont
Bericht der Kripo Hameln über die Flucht von drei
sowjetischen Gefangenen aus dem Lager Kaminski in Hameln. Im Fahndungsschreiben
heißt es:
Bekleidet sind sie mit einer blauen Arbeitshose,
grünen Uniformjacke und russischen Feldmütze. Schuhe haben sie nicht,
vermutlich tragen sie Holzpantoffel.
Quelle: KA Hameln-Pyrmont


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