|
|||||||||
|
|
|||||||||
Die letzten Monate des ZuchthausesHunger, Krankheiten, Todesfälle - Hunger, Krankheit,
Todesfälle Die Situation im Herbst 1944 schildert Rudi Goguel.
Seit dieser Zeit verschlechterte sich die Ernährungslage im Zuchthaus
Epidemien grassierten erste Todesfälle traten auf. "Inzwischen gibt unsere eigene Lage genug zu denken. Die Ernährung hat sich zusehends verschlechtert. Epidemien grassieren im Bau die Todesfälle im Lazarett mehren sich." "Ein neuer Erlass verbietet das Fressen von Kartoffelschalen.
Das Stehlen roter Steckrüben wird mit Strafe belegt. Gleichzeitig wird
ein jeder, der sein Pensum nicht leistet, auf verkürzte Ration gesetzt."
Anfang 1945 war das Zuchthaus mit 1350 Insassen total überbelegt; pro Einzelzelle lagen 3 - 4 Häftlinge. Auch der Keller und die Flure wurden nun mit Häftlingen belegt. Dabei kamen ständig Musterungskommissionen der Wehrmacht.
Selbst Gewohnheitsverbrecher wurden jetzt gemustert und in Wehrmacht-
oder Volkssturmeinheiten gesteckt. "Das Chaos bricht über uns herein. Mit dem Vorrücken
der Alliierten in Ost und West schmilzt der deutsche Lebensraum" von
Woche zu Woche zusammen. Gefängnisse und Lager werden evakuiert und
ins Landesinnere verbracht. Hameln ist eine Art Umschlaghafen. Transporte aus
dem Rheinland rollen an. Sie bringen eine Flut von Flöhen und Läusen
mit, die sich mit Windeseile über das ganze Haus ergießen. Platz ist
nicht mehr da. Es fehlt an Kleidung, an Lebensmitteln, es fehlt an allem.
Von Ordnung und Menschlichkeit ist nun keine Rede mehr. Die Dinge wachsen
uns über den Kopf: Die letzten Monate in Hameln werden schrecklich sein." "Das Jahr 1944 brachte im Sommer Sammeltransporte aus Ostpreußen und Schlesien aus Aachen aus Prag und später aus Brandenburg. Die Zuchthäuser unter Feindeinwirkung wurden geräumt. Das waren für uns die Marksteine des Näherrückens der Front. Mit den Transporten kamen Wanzen Läuse und Typhus. Die Anstalt war zum Bersten voll. Geregelte Arbeit gab es nicht mehr. Wöchentlich kamen jetzt die Musterungskommissionen der Wehrmacht zu uns in den Bau. Selbst notorische Ausbrecher und Gewohnheitsverbrecher wurden angemustert. Das Geschwür war reif. Und in das Grauen dieser Monate fiel wie ein Hoffnungsschimmer die schwache Aussicht auf eine baldige Befreiung.
Inzwischen aber hielt Freund Hein noch reiche Ernte.
Die Männer, die an dem langen Arbeitstisch neben mir und mir gegenüber
sitzen, wechseln im Laufe einer Woche oft mehrmals. Abgänge Zugänge
- Zugänge Abgänge. Der Nachschub rollt. Das Rapportbuch aber auf dem
Tisch des Beamten, wo die kleine schwachkerzige Birne brennt und jeden
Morgen die Bestandsmeldungen eingetragen werden, das spricht eine deutliche
Sprache für uns, die wir eingeweiht sind: "Die meisten von uns sind zu apathisch, um noch
denken zu können. Sie lassen sich treiben. Sie haben kein Rückgrat mehr.
Die Krätze greift um sich und die Wassersucht. Die Körper von vielen
sind mit eitrigen Geschwüren und Hautausschlägen übersät. Einige können
ihren Kot nicht mehr bei sich behalten. Arzneimittel fehlen. Das Lazarett
reicht nicht mehr aus. Zwei Schlafsäle und ein Arbeitsraum werden als
Lazarett mitbenutzt. Salzlose Kost soll helfen; aber der Typhusbazillus
ist schneller als die alliierten Truppen." "Frische Luft ist die einzige Medizin, die unser Lazarett noch zu vergeben hat. Und wir sind hier nicht so unter Aufsicht. Der eisige Februarwind pfeift durch unsere Lumpen; nur beim Schweinestall ist es erträglich warm. Da wird über Mittag Futter gekocht und da wärmen wir uns auf. Auf den Baracken und in den Zellen und Sälen wird längst nicht mehr geheizt; das bisschen Feuerungsmaterial muss für die Küche bleiben. Transporte kommen und gehen. Seit Mitte März 1945 steht der Bau unter Wehrmachtsbewachung. Täglich finden Aushebungen für den Volkssturm statt. Zuchthaus Brandenburg wird geräumt. Koswig in Sachsen
und Werl in Westfalen. Unser Bau ist zum Platzen voll. Arbeitskommandos
gehen nicht mehr raus. Alle Ein-Mann-Zellen sind mit drei und vier Mann
belegt. Ich werde mit vier jungen Franzosen in eine Arrestzelle gesperrt.
Seit Wochen haben wir keine Wäsche mehr erhalten; die Läuse und Wanzen
fressen uns auf. Schon 14 Tage gibt es auch keinen Spaziergang mehr.
Denn jeden Nachmittag, wenn wir raus sollen, ist Vollalarm. Wir sind
stumpf geworden gegen den Gestank von Schmutz und Unrat in unserer Zelle.
Eine bleierne Lethargie lastet über uns allen." Bernhard Huys Die Situation im Krankenbau des Zuchthauses Bernhard Huys hat im Krankenbau des Zuchthauses zunächst als Patient und später als Pfleger mehrere Monate verbracht. Die unsäglichen Zustände, die dort herrschten, hat er in einem aus der Erinnerung geschriebenen Text und in einigen Skizzen geschildert.
Bernhard Gelderblom / Mario Keller-Holte:
Mordbefehl und Todesmarsch. Für diese PDF-Dateien installieren Sie gegebenenfalls den Adobe Reader, |
|||
| © Bernhard Gelderblom Hameln |