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Zur Geschichte der Juden in Hameln

und in der Umgebung

Der Kibbuz Cheruth

In den Jahren zwischen 1926 und 1930 gab es in den Dörfern zwischen Hameln und Bad Pyrmont ein bedeutendes Ausbildungslager der zionistischen Jugend. Die Jugendlichen kamen aus Großstädten Deutschlands und Osteuropas und hatten in der Regel mit ihren assimilierten Elternhäusern gebrochen. Sie warfen ihren Eltern vor, die eigenen jüdischen Wurzeln zu verleugnen. Sie selbst wollten die Ideen von Judentum und Sozialismus verbinden.

Die jungen Leute lebten bei verschiedenen Bauern in Aerzen, Griessem, Holzhausen und anderen Dörfern. Zur Vorbereitung auf ihre Auswanderung nach Palästina machten sie bei den Bauern eine landwirtschaftliche Lehre. Abends und an den Wochenenden trafen sie sich, um ihr Judentum neu zu entdecken und um Hebräisch zu lernen.

1928 und 1930 gab es Auswanderungen (Alijoth) nach Palästina, und zwar in den noch heute bestehenden Kibbuz Givat Brenner. Der Kibbuz Cheruth schuf damit die Voraussetzungen für die lebenswichtigen Auswanderungen in der Zeit des Dritten Reiches.

Von den in Hameln und Aerzen lebenden Juden wurden die jungen Zionisten als verrückt abgelehnt. Anders als ihre Eltern, die sich als Deutsche verstanden, ahnten die jugendlichen Juden die in der Gestalt des Nationalsozialismus heraufziehende Gefahr.

Die Gründe für die Ansiedlung des Kibbuz Cheruth in den Dörfern zwischen Hameln und Pyrmont sind offensichtlich in der Person von Hermann Gradnauer (1894-1972) zu suchen. Gradnauer war Zahnarzt in Hameln und einer der ganz wenigen Zionisten in der sehr konservativen Hamelner jüdischen Gemeinde. Gradnauer hält in Hameln öffentliche Vorträge über die Kibbuzbewegung in Palästina, die er von eigenen Reisen her kennt (DEWEZET 25. 1. 1926). Ende der zwanziger Jahre gibt er seine Zahnarztpraxis am Kastanienwall endgültig auf und lässt sich in Palästina, im Kibbuz Givat Brenner, nieder. Gradnauer soll die Bauern, wenn sie auf seinem Zahnarztstuhl saßen, überredet haben, einen jungen Juden oder eine junge Jüdin als Praktikanten aufzunehmen. Seiner Frau gestattete der konsequente Zionist nur den Besitz von zwei Kochtöpfen.

Die Gründung des jungen Kibbuz fällt in eine Zeit, in der die Auswanderung nach Palästina, das damals unter britischem Mandat stand, außerordentlich schwierig geworden war.
Der Anteil der deutschen Juden an den Einwanderern in Palästina war bis zum Beginn von Hitlers Herrschaft verschwindend gering. Im deutschen Zionismus wurde damals sogar diskutiert, ob die westjüdische Jugend Deutschlands überhaupt zur Mitwirkung am Aufbauwerk Palästinas geeignet sei. Die überwiegende Meinung der deutschen Juden war, dass der ostjüdisch geprägte Zionismus die in Deutschland erfolgreich abgeschlossene Assimilation gefährde und deswegen abzulehnen sei.

Auf diesem Hintergrund ist die Gründung des Kibbuz Cheruth eine Trotzhandlung gegen die allgemein herrschende Meinung im zionistischen deutschen Judentum. Während in Palästina eine Wirtschaftskrise sich abzeichnet, unter der arabischen Bevölkerung eine zunehmende Beunruhigung wegen der zionistischen Einwanderung sich Geltung verschafft und Prophezeiungen von einer zehnjährigen Alijahsperre durch die Engländer die Runde machen, beginnen in Deutschland die sog. Goldenen Jahre der Weimarer Republik. Unter den jungen Juden nehmen unpolitische Jugendgruppen in dieser Zeit zu. Wer wollte da an Auswanderung denken?
 

© Bernhard Gelderblom Hameln