Die jüdische Gemeinde Salzhemmendorf
Angeschlossene Orte: Banteln (bis 1855), Duingen,
Eime (bis 1855), Hemmendorf, Lauenstein und Wallensen
Aus der Geschichte der Orte
Aus der Geschichte der
jüdischen Gemeinde vom 17. bis 19. Jahrhundert
Die wirtschaftliche Situation der
jüdischen Einwohner
Synagogengottesdienst, Schule und
Friedhof
Die Situation Ende des 19. Jahrhunderts
Die NS-Zeit
Boykottmaßnahmen, Pogrome und Deportationen
Die Zerstörung der Friedhöfe in der
NS-Zeit
Das Schicksal der Friedhöfe nach
dem Kriege
Die Namen der Opfer
Duingen
Hemmendorf
Lauenstein
Salzhemmendorf
Politische und religiöse Zugehörigkeit
der Gemeinde
Gesamteinwohnerzahl / darunter Juden
Quellen und Literatur
Aus der Geschichte der Orte
Das Amt Lauenstein, gelegen im Gebiet zwischen Ith,
Osterwald, Hils und Leine, zählte um 1400 40 Ortschaften. Nachdem das
Geschlecht der Edelherren von Homburg ausgestorben war, kam das Amt
1409 an die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg. Durch die Teilung von
1495 fiel es dem Fürstentum Calenberg zu.
Zum Verwaltungsmittelpunkt des Amtes, das abseits
der festen Verkehrswege lag und vor allem landwirtschaftlich geprägt
war, entwickelte sich der Flecken Lauenstein. Dort fanden seit 1590
zweimal in der Woche Markt und jährlich drei Freimärkte statt.
Am Ende des 19. Jahrhunderts setzte in Lauenstein
eine Industrialisierung ein (1 mechanische Weberei, 2 Stuhlfabriken,
2 Mühlen). In Salzhemmendorf kam es mit der Gründung der Osterwald-Salzhemmendorfer-Kalkwerke
(1896) zu einem bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung. Schon im Mittelalter
hatte der Ort mit seiner Solequelle eine wichtige Rolle bei der Salzgewinnung
gespielt; seit dem 16. Jh. lieferte er Grubenholz an die Kohlenbergwerke
in Osterwald. In dem durch Armut geprägten Dorf Duingen ist seit dem
14. Jahrhundert das Töpfergewerbe nachweisbar, das im 18. Jahrhundert
seine Blütezeit erreichte. Von Duingen aus wurde ein ausgedehnter Handel
mit Töpferwaren betrieben. Die Anfang des 20. Jhs. gegründeten "Norddeutschen
Steinzeugwerke Duingen" knüpften an diese handwerkliche Tradition an.
Die wirtschaftliche Entwicklung der Flecken Hemmendorf und Eime war
demgegenüber rückläufig. Eime blieb trotz des 1669 verliehenen Marktrechtes
bäuerlich strukturiert. Hemmendorfs Entwicklung stagnierte durch die
Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges und mehrere schwere Brände.
Wallensen verlor sein 1351 verliehenes Stadtrecht bereits um 1500. Erst
im 19. Jh. gewann der Flecken durch den Braunkohletagebau vorübergehend
wieder an Bedeutung.

Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde vom 17.
bis zum 19. Jahrhundert
Juden sind im Amt Lauenstein seit dem letzten Drittel
des 17. Jahrhunderts nachweisbar. In Salzhemmendorf lebte der Schutzjude
Abraham. Er war 1685 mit Schutz versehen. 1686 wurde er des Mordes an
seiner Familie bezichtigt. Nur wenige Wochen später wurde er selbst
erschlagen aufgefunden. Zu dieser Zeit wohnten in Duingen und Hemmendorf
je eine Schutzjudenfamilie. In Hemmendorf muss ihre Anzahl der Schutzjuden
während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts recht hoch gewesen sein,
denn von Seiten der Geistlichkeit klagte man über eine Schmälerung der
Pfarreinkünfte durch die Zunahme der Schutzjuden. 1774 ist auch die
Anwesenheit von Juden in Lauenstein bezeugt. David und Hanna Gerson
(Blank) erwarben in diesem Jahr die Bürgerstelle Damm Nr. 4, die für
125 Jahre im Besitz der Familie blieb.
Die wirtschaftliche Situation der jüdischen
Einwohner
Während des 19. Jahrhunderts lebte die Mehrzahl der
jüdischen Familien des Amtes in Hemmendorf (max. 7), gefolgt von Salzhemmendorf
(max. 6), während ihre Anzahl in den Orten Lauenstein, Wallensen, Duingen, Eime und Banteln (max. je 3 Familien) geringer war. Die Mitglieder der
Salzhemmendorfer Synagogengemeinde betrieben vor allem den Viktualien-
und Manufakturwaren- sowie Pferde- und Viehhandel. Mehrere von ihnen
waren Hausierer, hatten also kein Ladengeschäft, und lebten ärmlich
zur Miete.
Demgegenüber waren die Juden in gewerblichen Berufen,
im Kredithandel und in akademischen Berufen wenig vertreten. Zu nennen
sind der Buchbinder David Calmsohn aus Salzhemmendorf, der Tierarzt
Josef Spiegelberg aus Lauenstein und der ebenfalls in Lauenstein ansässige
Alexander Spiegelberg, der als Bankier große Bedeutung hatte. Alexander
Spiegelberg gehörte zu den wenigen wohlhabenden Juden im Amt Lauenstein.
Lauenstein als Amtssitz bot ihm und der zweiten ortsansässigen Familie
Blank ein gutes wirtschaftliches Auskommen, so dass beiden Familien
(der Familie Blank vor 1816 und der Familie Spiegelberg nach 1822) der
Erwerb von Häusern gelang. Aus der Lauensteiner Familie Spiegelberg,
die 1855 das Bankhaus Alexander Spiegelberg in Hannover gründet, stammt
der hannoversche Kommerzienrat und Kunstsammler Georg Spiegelberg, der
seine umfangreiche Gemäldesammlung an die Niedersächsische Landesgalerie
Hannover vererbte. Ebenfalls wohlhabend waren Herz und Elle Marcus aus
Eime. 1838 wurde aus ihrem Vermögen die Herz-Marcussche Stiftung zur
Unterstützung hilfsbedürftiger verwandter Familien gegründet, die bis
zum Beginn des 20. Jahrhunderts fortbestand.
Die Mehrheit der Juden im Amt war hingegen mittelmäßig
situiert, z. T. sogar arm, was vor allem auf die Hemmendorfer und Duinger
Juden zutraf. Von den 15 aufgeführten Haushaltsvorständen der Synagogengemeinde
konnten 1843/44 sechs wegen Krankheit, Alter oder Armut keine Dominialabgabe
bezahlen.

Synagogengottesdienst, Schule und Friedhof
Ihren Gottesdienst hielten die Juden in Lauenstein,
Salzhemmendorf und Hemmendorf zunächst in eigens dafür eingerichteten
kleinen Beträumen getrennt voneinander ab. In Lauenstein befand sich
ein solcher Raum im Haus von Moses Blank, Vogelsang Nr. 5, in Hemmendorf
im Anbau des Hauses Nr. 68 von Calmon Zeckendorf (beide Gebäude sind
heute abgerissen). Für die Gottesdienste in Lauenstein und Salzhemmendorf
konnte die das erforderliche Quorum für ein Minjan nur unter Schwierigkeiten
zusammengebracht werden.
Für die Hemmendorfer Juden stellte dies kein Problem
dar. Dafür gab es hier andere Schwierigkeiten. Seit den 20er Jahren
beklagten das Amt Lauenstein und der Landrabbiner Adler immer wieder
die zerrütteten Gemeindeverhältnisse in Hemmendorf. Die Gemeinde hatte
zeitweise keinen geprüften Lehrer; es gab Streit um den Ort der Synagoge;
sie konnte sich nicht auf einen Vorsteher einigen; der vom Landrabbiner
eingesetzte Vorsteher blieb ohne Autorität. Der Landrabbiner führte
die Missstände auf die Armut der ortsansässigen jüdischen Familien zurück.
Der Versuch, die Streitigkeiten mit Hilfe einer Synagogenordnung (1832)
zu beenden, misslang. Noch 1841 waren diese Spannungen verbreitet. Drei
der Hemmendorfer Juden hatten Strafgelder zu bezahlen, die ihnen vom
Vorsteher Abraham Zeckendorf wegen "schlimmen Verhaltens in der Synagoge"
auferlegt wurden. Unklar bleibt, ob für die Konflikte religiöse Kontroversen
ausschlaggebend waren.
Nachdem erste Planungen zur Bildung einer Synagogengemeinde
im Jahr 1839 gescheitert waren, wurden die Juden Salzhemmendorfs, Hemmendorfs,
Lauensteins, Duingens, Wallensens, Eimes und Bantelns 1843 zur Synagogengemeinde
Salzhemmendorf zusammengeschlossen. Da die dreistündige Wegstrecke nach
Salzhemmendorf für die Bantelner und Eimer Juden, die sich bisher stets
zur Synagogengemeinde Gronau zugehörig gefühlt hatten, zu beschwerlich
war, bewilligte der Landrabbiner ihre Teilnahme am Gottesdienst in der
nähergelegenen Gronauer Synagoge. Bereits 1855 verfügte der Landrabbiner
den endgültigen Anschluss von Banteln und Eime an die Synagogengemeinde
Gronau.
Der Betraum in Hemmendorf erwies sich nach der Synagogenvereinigung
als zu klein. Die Gemeindemitglieder entschlossen sich deshalb 1844
zum Ankauf eines Hauses in Salzhemmendorf, heute Kampstraße Nr. 9,
und bauten es zur Synagoge, Schule und Lehrerwohnung um. Der Umbau,
der vier Jahre in Anspruch nahm, war finanziell sehr aufwendig und brachte
der Gemeinde hohe Schulden. Als Inneneinrichtung wurde das Inventar
der ehemaligen Lauensteiner und Salzhemmendorfer Beträume und der Hemmendorfer
Schule genutzt. Bei den Hemmendorfer Juden war die Verlegung des Gottesdienstes
umstritten. Sie behielten ihren ursprünglichen Betraum bis 1859 bei,
waren aber bereit, regelmäßig drei Männer zur Aufrechterhaltung des
Gottesdienstes nach Salzhemmendorf zu schicken.
In Eime beschäftigte Moses Steinberg in den Jahren
1819 und 1826 einen Privatlehrer. Seit den 40er Jahren besuchten die
Kinder der Eimer Juden die Elementarschule in Gronau. Ebenfalls einen
Privatlehrer hatten Alexander Spiegelberg aus Lauenstein (1843) und
Moses Katz (1831/34) aus Hemmendorf eingestellt. Anfang der 40er Jahre
unterhielten die Hemmendorfer Juden einen gemeinsamen Lehrer.
Seit 1844 wurden dann die Kinder der gesamten Synagogengemeinde
in Salzhemmendorf unterrichtet. Die Salzhemmendorfer Schule besaß seit
1852 den Status einer Elementarschule und erhielt in den 50er Jahren
staatliche Beihilfen. 1861-1869 reiste der Lehrer in den Wintermonaten
von Ort zu Ort und erteilte den Unterricht abwechselnd in Salzhemmendorf,
Hemmendorf und Lauenstein. Später fand der Schulunterricht wieder ausschließlich
in Salzhemmendorf statt. Von den Lehrern der Salzhemmendorfer Synagogengemeinde
gingen wichtige Impulse für das jüdische Schulwesen aus. Gustav Meyer
war in der Synagogengemeinde 1844-1857 als Lehrer tätig. Er setzte sich
ebenso wie der spätere Salzhemmendorfer Lehrer Moses Holländer (1861-1869)
für die Bildung von Interessensvertretungen der jüdischen Lehrer im
Königreich Hannover ein.
Jüdische Friedhöfe gab es in allen Orten der Synagogengemeinde.
Der älteste Friedhof des Amtes ist möglicherweise der Lauensteiner Friedhof
an der heutigen Straße Am Knickbrink, der aus dem Jahr 1787 stammt.
Das letzte Begräbnis fand dort 1906 statt. In Hemmendorf hat es zwei
Friedhöfe gegeben. Der ältere war bereits 1858 aufgehoben worden und
wurde als Gartenland genutzt Obwohl im Verkoppelungsrezess festgelegt
worden war, dass die Steine und ein Weg zum Gelände erhalten bleiben
sollten, ist der Begräbnisplatz heute völlig verschwunden. Der zweite
vor 1847 angelegte Friedhof befindet sich außerhalb des Ortes in Richtung
Salzhemmendorf. Auf dem jüdischen Friedhof von Salzhemmendorf an der
Limberger Straße fanden im Zeitraum 1810-1932 Bestattungen statt. Auch
in Wallensen, Duingen, Eime und Banteln gab es Friedhöfe, die bis auf
den Friedhof von Eime heute alle noch erhalten sind.

Die Situation Ende des 19. Jahrhunderts
Noch 1898 war die Synagogengemeinde Salzhemmendorf
mit 51 Personen die größte Synagogengemeinde des Kreises Hameln. Aber
auch hier machte sich die Landflucht bemerkbar. Zu einem Verfall des
traditionellen jüdischen Gemeindelebens war es bereits Mitte der 60er
Jahre gekommen. Die noch 1860 im guten Zustand befindliche Mikwe wurde
1864 nicht mehr benutzt. Im Jahr 1868 wurde auch der die Chewra Kadischa
aufgelöst. Die jüdische Volksschule hingegen wurde bis 1903 weitergeführt.
Seit diesem Jahr nahmen die jüdischen Kinder am Unterricht der Ortsschule
teil. Ein Wanderlehrer erteilte den Religionsunterricht, der 1907 von
fünf, 1908 von acht und 1913 von sieben Kindern besucht wurde. Trotz
der eingeschränkten Gemeindeeinrichtungen sprachen sich die Synagogenmitglieder
1912 einstimmig gegen einen Anschluss an die Hamelner Synagogengemeinde
aus.
Vorsteher der Synagogengemeinde waren: David Calmsohn
(seit 1844), Joseph Calmsohn (1852-55), David Blank (seit 1855), Ephraim
Steinberg (1860-69), D. Blank (1869-78), Calmsohn (1890-95), A. Plaut
(1901), Max Catzenstein (1902), A. Plaut (1907-13) und Carl Heilbronn
(seit 1924). Als letzter Vorsteher der Synagogengemeinde übte Moritz
Heilbronn (seit 1932) das Amt aus.
Bekannt für seine liberalen Positionen war während
der 70er Jahre des 19. Jhs. der aus Salzhemmendorf stammende Hermann
Calmsohn, der in Lüneburg als Lehrer und später als Synagogenvorsteher
tätig war. Der 1898 in Duingen geborene Erich Binheim wurde nach seiner
Rabbinerausbildung in Berlin als liberaler Rabbiner in Darmstadt tätig.
Die Mehrheit der Synagogenmitglieder war auch am Ende
des 19. Jhs. nicht wohlhabend. Gutsituiert war z.B. die Familie Heilbronn,
die in Salzhemmendorf seit 1887 ein Manufakturwarengeschäft und bis
kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein Korngeschäft betrieb. Vermögend war
auch der aus Wallensen stammende Kornhändler Siegfried Steinberg. Ein
Nachkomme der Familie, Louis Steinberg, verzog zu Beginn des 20. Jhs.
nach Hannover und führte von dort aus die in Duingen ansässige "Duinger
Tonwarenfabrik", die 1910 30 Beschäftigte hatte.
Die NS-Zeit
Während der NS-Zeit bestand die Synagogengemeinde
Salzhemmendorf nur noch aus wenigen jüdischen Familien.
Boykottmaßnahmen, Pogrome und Deportation
Die letzte jüdische Einwohnerin Wallensens, Ida Steinberg,
verzog vor 1935. Die Putzmacherin Ida Blank verließ Lauenstein in den
frühen 30er Jahren als letzte jüdische Einwohnerin. Am 16. 7. 1942 wurde
sie von Hamburg aus nach Theresienstadt deportiert.
Der Duinger Kolonialwarenhändler Walter Bienheim und
seine Ehefrau lebten bis 1936/37 in ihrem Wohn- und Geschäftshaus in
der Eckertstraße 1. Walter Bienheim betrieb neben seinem Ladengeschäft
ein Wandergewerbe. 1936 fanden in der Gegend antisemitische Kundgebungen
statt. Im nahen Marienhagen, wo Bienheim mehreren Bürgern Geld zum Hausbau
geliehen hatte, gab es Ortsschilder, die die Bevölkerung zum Boykott
jüdischer Geschäftsleute aufforderten. Am 9. 6. 1936 lehnte der Hildesheimer
Regierungspräsident die Verlängerung des Wandergewerbescheins für Walter
Bienheim ab. Begründet wurde die Ablehnung mit seiner angeblichen Aufdringlichkeit
gegenüber der Kundschaft und seiner politischen Unzuverlässigkeit. Bienheim
klagte zwar erfolgreich gegen die Entscheidung des Regierungspräsidenten,
konnte jedoch seine faktische Verdrängung aus dem wirtschaftlichen Leben
nicht aufhalten. Bereits zuvor war Walter Bienheim schikaniert worden.
Im Herbst 1935 war sein Auto mutwillig beschädigt worden, seine Mitgliedschaft
in der Duinger Feuerwehr bestand seit 1933 nicht mehr.
Walter Bienheim ist die Auswanderung in die USA gelungen.
Er lebte dann in New York mit seiner Frau. Das Ehepaar hat eine Tochter
Ruth, die einen Herrn Boaz ehelichte.
Zum Schicksal der Mutter und der Geschwister von
Walter Bienheim
Die Mutter Hulda Bienheim hat ihre letzte Zeit
im jüdischen Altersheim in Hannover verbracht. Sie wurde von dort
in den Osten deportiert und ist seitdem verschollen.
Die Tochter Hannah Bienheim heiratete nach Bremen,
wurde ebenfalls deportiert und ist seitdem verschollen.
Karl-Ludwig Bienheim wanderte 1933 nach Palästina
aus.
Erich Bienheim wanderte nach Australien aus, übersiedelte
dann nach Großbritannien und hatte bis zu seinem Tode ein Rabbinat
inne.
In Salzhemmendorf wurde das bedeutende Textilgeschäft
von Moritz Heilbronn seit 1935 boykottiert. Nachdem Heilbronn 1937 bei
einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war (er soll sich aus Gram das
Leben genommen haben), führte seine Witwe Gertrud das Geschäft bis zum
Novemberpogrom weiter. In der Nacht des 9. 11. 1938 wurde es von der
örtlichen SA und SS geplündert und das Inventar auf der Straße verbrannt.
Gertrud Heilbronn verzog nach Goslar und emigrierte von hier aus 1940
nach England.
Der Schlachter Robert Davidsohn wohnte in der Kampstraße
Nr. 11. Im Erdgeschoss seines Hauses befand sich der Betraum der Salzhemmendorfer
Synagogengemeinde, der noch in den 30er Jahren genutzt worden war. Während
des Novemberpogroms zerschlugen SA und SS die Fensterscheiben und die
gesamte Inneneinrichtung. Eine Brandstiftung, wurde durch die Intervention
des Bürgermeisters verhindert, der die angrenzenden Gebäude vor einem
Übergreifen der Flammen schützen wollte. Robert Davidsohn und sein 16jähriger
Sohn Erich wurden in das KZ Buchenwald verschleppt. Das Haus der Familie
Davidsohn kaufte 1938/39 ein Bauer weit unter Wert für einen Preis von
6500 RM. Der neue Eigentümer nutzte den Synagogenraum zeitweise als
Schweinestall. Robert Davidsohn konnte nach der Entlassung aus Buchenwald
am 15. 6. 1939 mit seiner Ehefrau Elfriede nach Argentinien auswandern,
ihr Sohn emigrierte nach England; die Pflegetochter Juliane Gutsmann
überlebte den Holocaust ebenfalls.
In Hemmendorf wohnten im Haus Nr. 24 das Ehepaar Karl
und Frieda Zeckendorf mit ihrer Tochter Hannelore sowie den unverheirateten
Schwestern von Karl, Thekla und Margarete Zeckendorf. Sie führten in
Hemmendorf ein Kolonialwarengeschäft. Während des Novemberpogroms wurde
Karl Zeckendorf verhaftet und nach Buchenwald transportiert, wo er am
21. 11. 1938 verstarb. Das Haus der Familie Zeckendorf wurde noch vor
dem Krieg billig verkauft. Die Schwestern Margarete und Thekla Zeckendorf
wurden am 28. 3. 1942 aus Hemmendorf über die Sammelstelle Ahlem ins
Ghetto Warschau deportiert und sind dort verschollen. Die Witwe Frieda
Zeckendorf ging im April 1941 unter ungeklärten Umständen mit ihrer
Tochter Hannelore nach Göttingen beide wurden von dort am 26. 3. 1942
ebenfalls nach Warschau deportiert und gelten als verschollen.
Eine der ältesten ortsansässigen Familien in Hemmendorf
war die Familie Katz bzw. Katzenstein. 1933 lebten die Witwe Emilie
Katzenstein und ihre Tochter Margarete in Hemmendorf. Ihr Haus erwarb
der Bürgermeister zu einem günstigen Kaufpreis. Nachdem Margarete Katzenstein
von ihrer bevorstehenden Deportation erfahren hatte, nahm sie sich am
18. 3. 1942 das Leben. Über den Verbleib ihrer Mutter gibt es keine
genauen Angaben.
Die Witwe Karoline Plaut und ihre Tochter Klara führten
bis zur Pogromnacht ein Textilgeschäft in der heutigen Alten Heerstraße
Nr. 49 in Hemmendorf. Der Bürgermeister konnte auch ihr Haus nach dem
Novemberpogrom weit unter Wert erwerben. Klara Plaut wurde am 28. 3.
1942 über Ahlem nach Warschau deportiert. Ihre Mutter war zuvor, im
Januar 1942, im israelitischen Krankenhaus in Hannover verstorben.

Die Zerstörung der Friedhöfe in der NS-Zeit
In der NS-Zeit wurden alle jüdischen Friedhöfe zerstört.
Der Hemmendorfer Friedhof soll in der Pogromnacht
von den führenden Nationalsozialisten des Ortes, u.a. vom Sohn des damaligen
Bürgermeisters, verwüstet worden sein.
Auch der Lauensteiner Friedhof wurde geschändet, die
Grabsteine entfernt. Das Gelände erwarb der Flecken Lauenstein während
des Zweiten Weltkrieges von der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland.
Der Salzhemmendorfer Friedhof wurde am 9. 11. 1938
ebenfalls zerstört; ein Teil der Grabsteine blieb – möglicherweise durch
das Eingreifen des Ortsbürgermeisters – erhalten.
Der Friedhof in Duingen wurde wahrscheinlich erst
im April 1939 zerstört. Noch heute weisen die Grabsteine die Spuren
der Beilhiebe auf.
Auf dem Friedhof der Familie Steinberg in Wallensen
steht nur noch ein Grabmal, das des Kornhändlers Siegfried Steinberg.

Das Schicksal der Friedhöfe nach dem Kriege
Nach 1945 wurde der Hemmendorfer Friedhof (251 qm,
In den Riedackern) neu eingefriedet und 1961 instand gesetzt. Der Landesverband
der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, der das Gelände 1960 vom
JTC übernommen hatte, ließ in den 60er Jahren auf dem völlig leeren
Platz einen Gedenkstein errichten. Eine 1953 angestrebte Rückerstattung
des Lauensteiner Friedhofs (220 qm) an den Landesverband wurde durch
Gerichtsbeschluss zugunsten des Fleckens Lauenstein verhindert. Obwohl
1956 sechs noch vorhandene Grabsteine wieder aufgestellt wurden, ging
das Friedhofsgelände erst 1984/85 an den Landesverband, der es käuflich
erwerben musste. Nachdem eine Bebauung der angrenzenden Grundstücke
den ursprünglichen Zugang zum Friedhof versperrte, ist das Gelände seit
1972 über eine Betontreppe von der Straße Am Knickbrink aus zugänglich.
Der Salzhemmendorfer Friedhof am Limberger Weg (632 qm) wurde rekonstruiert
und 17 Steine wieder aufgestellt. Nach einer erneuten Schändung im Jahr
1955 wurden die Grabsteine in Beton eingegossen. Instandsetzungen gab
es 1962 und 1997.

Die Namen der Opfer
Duingen
Jeanette Binheim
wurde am 7. Mai (oder August) 1863 in Duingen geboren.
Später wohnte sie in Lippstadt.
In den Jahren 1939-1942 war sie in Bielefeld gemeldet. Aus Bielefeld
wurde sie am 28. 7. 1942 nach Theresienstadt deportiert. Am 23. 9. 1942
wurde sie von Theresienstadt nach Treblinka verschleppt und ist dort
verschollen.

Hemmendorf
Sofie Blank
wurde am 9. November 1876 in Hemmendorf geboren. Später
wohnte sie in Köln.
Am 27. 7. 1942 wurde sie von Köln nach Theresienstadt
deportiert und starb dort am 23. 8. 1943.
Margarete Catzenstein (auch Katzenstein)
wurde am 8. Oktober 1896 in Hemmendorf geboren. Am
18. 3. 1942 nahm sie sich angesichts der bevorstehenden Deportation
das Leben.
Selma Grüneberg, geb. Zeckendorf
wurde am 18. Februar 1889 in Hemmendorf geboren. Sie
lebte später in Köln.
Im Oktober 1941 wurde sie in das Ghetto Lodz deportiert
und ist dort am 4. Mai 1942 verstorben.
Else Nonne, geb. Catzenstein
wurde am 14. Mai 1890 in Hemmendorf geboren. Sie nahm
sich am 14. Mai 1944 das Leben.
Klara Plaut
wurde am 2. März 1890 geboren. Sie lebte in Hemmendorf.
Am 28. März 1942 wurde sie in das Ghetto Warschau deportiert und ist
dort verschollen.
Frieda Zeckendorf, geb. Grüneberg
wurde am 4. Oktober 1889 in Arnsberg geboren. Sie
lebte zusammen mit ihrem Ehemann Karl und ihrer Tochter Hannelore in
Hemmendorf.
Ihr Ehemann Karl kam am 21. November 1938 im KZ Buchenwald
ums Leben. Von Hemmendorf zog die verwitwete Frau im April 1941 nach
Göttingen. Kurze Zeit später folgte ihre Tochter nach.
Zusammen mit ihrer Tochter Hannelore wurde sie am
26. März 1942 wurde sie von Göttingen aus in das Ghetto Warschau deportiert
und ist verschollen.
Hannelore Zeckendorf
wurde am 7. März 1925 in Hemmendorf geboren. Sie war
die Tochter von Karl und Frieda Zeckendorf. Zusammen mit ihrer Mutter
wurde sie am 26. März 1942 von Göttingen aus in das Ghetto Warschau
deportiert und ist verschollen.
Karl Zeckendorf
wurde am 28. September 1884 geboren. Er lebte mit
seiner Ehefrau Frieda und der Tochter Hannelore in Hemmendorf. Im Zusammenhang
mit dem Novemberpogrom 1938 wurde er in das KZ Buchenwald deportiert
und kam dort am 21. November 1938 ums Leben.
Margarete Zeckendorf
wwurde am 9. November 1886 in Hemmendorf geboren.
Sie wohnte in Hemmendorf. Am 28. März 1942 wurde sie über Hannover-Ahlem
in das Ghetto Warschau deportiert und ist dort verschollen.
Thekla Zeckendorf
wurde am 6. Dezember 1890 in Hemmendorf geboren. Sie
wohnte in Hemmendorf. Am 28. März 1942 wurde sie über Hannover-Ahlem
in das Ghetto Warschau deportiert und ist dort verschollen.

Lauenstein
Ida Blank
wurde am 27. November 1863 in Lauenstein geboren.
Sie war Putzmacherin und lebte in Delmenhorst.
Ihre letzte Adresse war Hamburg, Benekestraße 6. Am
16. Juli 1942 wurde sie aus Hamburg nach Theresienstadt deportiert und
von dort am 21. September 1942 nach Treblinka verschleppt. Dort ist
sie verschollen.
Johanna Graubarth, geb.
Sandmann
wurde am 17. Juli 1879 in Lauenstein geboren.
Mit Ihrem Ehemann Kurt Graubarth, geb. 11. Mai 1973 in Berlin, wohnte
sie in Berlin, Kurfürstenstraße 115. Am 26. Juni 1942 wurden die Eheleute
von Berlin nach dem Osten deportiert und sind dort verschollen.

Salzhemmendorf
Berta (oder Herta) Davidsohn
wurde am 2. September 1865 in Salzhemmendorf geboren.
Sie lebte zuletzt in Königsberg. Von dort wurde sie am 27. August 1942
nach Theresienstadt deportiert und starb dort am 8. September 1942.
Erich Rosenstern
wurde am 23. Dezember 1899 in Salzhemmendorf geboren.
Er war von Beruf "Arbeiter". Am 9. November 1938 zog er von Gronau nach
Hannover. Dort lebte er schließlich im Judenhaus Herschelstraße (dort
lebten "Mischehen"). Am 15. Dezember 1941 wurde er nach Riga verschleppt.
Erich Rosenstern soll am 22. Dezember 1944 in Groß-Rosen (bzw. Stutthof
bzw. in Libau) ums Leben gekommen sein.

Politische und religiöse Zugehörigkeit
der Gemeinde
Fürstentum Calenberg bis 1692, Kurfürstentum
Hannover 1692-1810, Königreich Westfalen 1810-1813, Königreich Hannover
1815-1866, preußische Provinz Hannover 1866-1945; Landdrostei Hannover
1823-1885, Regierungsbezirk Hannover 1885-1945; Amt Lauenstein bis 1885,
ab 1885: westlicher Teil mit Salzhemmendorf, Lauenstein, Wallensen und
Hemmendorf zum Kreis Hameln, östlicher Teil mit Banteln und Eime zum
Kreis Gronau (Regierungsbezirk Hildesheim), Kreis Gronau 1932 zum Kreis
Alfeld, südlicher Teil mit Duingen zum Kreis Alfeld (Regierungsbezirk
Hildesheim); heute: Regierungsbezirk Hannover, Landkreise Hameln-Pyrmont
und Hildesheim.
Synagogengemeinde im Landrabbinat Hannover.

Gesamteinwohnerzahl / darunter Juden
Lauenstein: 1811: ? / 2 Familien,
1832: ? / 2 Familien, 1848: 999 / ?; 1861: ? / 12, 1864: ? / 20, 1867:
1.086 / ?; 1871: ? / 7, 1885: ? / 12, 1895: 1.100 / 3; 1905: 1.061 /
1; 1913: ? / 1, 1925: 966 / ?, 1933: ? / ?, 1939: 1.247
Duingen: 1832: ? / 1 Familie, 1848: 803 / ?, 1861: ? / 10, 1864: ? /
14, 1867: 1.137 / ?, 1871: ? / 14, 1885: ? / 13, 1895: 1.104 / 12, 1905:
1.183 / 12, 1910: ? / 8, 1913: ? / 15, 1925: ? / 3, 1928: ? / 4, 1933:
? / 5, 1939: 1.624 / ?
Hemmendorf: 1811: ? / 5 Familien, 1832: ? / 4 Familien, 1848: 859 /
?, 1861: ? / 32, 1864: ? / 31, 1867: 835 / ?, 1871: ? / 19, 1885: ?
/ 12, 1895: 773 / 18, 1905: 802 / 10, 1913: / 17, 1925: 729 / 13, 1928:
? / 11, 1933: ? / 10, 1935: ? / 3 Familien, 1937: ? / 3 Familien, 1939:
750 / ?
Salzhemmendorf: 1811: ? / 2 Familien, 1832: ? / 2 Familien, 1848: 1.113
/ ?, 1861: ? / 27, 1864: ? / 21, 1867: 1.156 / ?, 1871: ? / 17, 1885:
? / 20, 1895: 1.374 / 19, 1905: 1.377 / 6, 1907: ? / 11, 1909: ? / 14,
1913: ? / 9, 1925: 1.223 / 6-8, 1928: ? / 6, 1933: ? / 7, 1935: ? /
2 Familien, 1937: ? / 2 Familien, 1939: 1.349 / ?
Wallensen: 1811: ? / 1 Familie, 1832: ? / 1 Familie, 1848: 812 / ?,
1861: ? / 16, 1864: / 14, 1867: 823 / ?, 1871: ? / 11, 1885: ? / 19,
1895: 731 / 13, 1905: 834 / 14, 1913: ? / ), 1925: 954 / 2, 1928: ?
/ 3, 1933: ? / 3, 1939: 892 / ?
Eime: 1811: ? / 1 Familie, 1832: ? / 2 Familien

Quellen und Literatur
Baum, Ulrich: Jüdische Mitbürger, Heimat-
und Verkehrsverein Lauenstein e.V. (Hrsg.), 1987 (Manuskript)
Ders.: Mitbürger, aber mit weniger
Rechten. Deister- und Weserzeitung, 3. März 1984
Ders.: 1247-1997. 750 Jahre Lauenstein,
Lauenstein 1997
Heise, Albert: Flecken Hemmendorf.
Hemmendorf im Spiegel der Geschichte. Chronik 1 (bis 1802), 2. Aufl.,
Hemmendorf 1995 (Manuskript)
Ders.: Chronik 2 (1803-1918), Hemmendorf
1996 (Manuskript)
Ders.: Verkoppelungsrezess der Gemeinde
Hemmendorf, 1858 (Manuskript), Hemmendorf o. J.
Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover
Kreisarchiv Hameln-Pyrmont
Archiv des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Niedersachsens
Familienarchiv der Familie Zeckendorf (USA; englisch, Manuskript)

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