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Die jüdische Gemeinde Hehlen
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Inwieweit die Ausweisung befolgt wurde, ist nicht bekannt. Zumindest die im Dorf Hehlen ansässigen Juden scheinen auf Antrag landesherrliche Schutzbriefe erhalten zu haben. Abraham Nathan verfügte 1744 über einen Schutzbrief und die Konzession zum Viehhandel. Meyer Nathan - vor 1749 im Besitz eines Schutzbriefes - betrieb Handel und durfte zum Verkauf schlachten. 1744 ließ er seine Kinder durch den "Präceptor" Schlumme unterrichten. Ein dritter Schutzbrief lautete 1744 auf Simon Abraham.
Die Lebensverhältnisse der Juden im 18. Jahrhundert waren schlecht. 1766 wandten sich die vier im Gericht Hehlen lebenden Schutzjuden aus wirtschaftlichen Erwägungen gegen die Schutzerteilung für einen weiteren Juden. 1777 war ihnen die Erlaubnis zur Einrichtung einer Schule in Hehlen erteilt worden, sofern deshalb keine andere benachbarte Judenschule geschlossen werden müsse. Zeitweise ist für die 70er und 80er Jahre die zumeist kurzfristige Anwesenheit eines "Rebbe" belegt. 1791 ernährten sie sich durch den Handel mit Fellen und Kurzwaren und durch das Schlachten; zwei von ihnen entrichteten Schutzgeld; die beiden anderen waren von der Zahlung befreit.
Auch noch 1806 war unter den sechs jüdischen Familien im Gericht Hehlen "keine einzige, von der man behaupten könnte, dass sie wohlhabend und im Stande sey, ihr Brod zu verdienen." Einen Lehrer konnten sie nicht bezahlen. Der Holzmindener Generalsuperintendent riet 1819, die Kinder auf christliche Schulen zu schicken.
Ihre Toten bestatteten die Hehlener Juden auf einem im Steilhang der Weserböschung gelegenen Friedhof, dessen Gründungsdatum nicht bekannt ist und dessen ältester noch vorhandener Grabstein auf das Jahr 1831 datiert. Das Gründungsdatum des Friedhofes ist nicht bekannt.
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Zum Ende des 19. Jahrhundert war Hehlen zwar die kleinste der acht jüdischen Gemeinden im Herzogtum Braunschweig, mit ca. vier Prozent war der Anteil der jüdischen Bevölkerung jedoch recht groß. Am Ort ansässig waren vier Familien: die Schlachter- und Viehhändlerfamilie Meyer Friedenreich sowie die Kaufmannsfamilien Moses Katzenstein, Kelm Bach und Salomon Lindner. Um 1875 hatte die Gemeinde einen Lehrer und Kantor und verfügte über ein angemietetes Bethaus und ein ebenfalls angemietetes Schullokal. 1895 erhielten sieben Kinder Religionsunterricht. Der Betraum befand sich im heute noch existierenden Hintergebäude des Hauses Alte Schulstraße 8. Die inzwischen beseitigten hohen Rundbogenfenster des nur ca. 8 mal 4 Meter großen Wohnhauses lassen auf eine Nutzung als Gottesdienstraum schließen; im Volksmund heißt das Gebäude bis heute "Judentempel".
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Die Geschichte der jüdischen Gemeinde im 20. Jahrhundert
Um die Jahrhundertwende wurde die Gemeinde von Moritz Friedenreich geleitet, später von David Bach. Seine Familie und die seines Bruders Alex waren ab 1920 die einzigen noch in Hehlen verbliebenen jüdischen Familien. Die Synagoge wurde geschlossen, zum Gottesdienst fuhr man nach Bodenwerder, später nach Hameln.
Die Geschäftshäuser der Brüder Bach
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Die meisten der in den 1920er und 1930er Jahren in Hehlen gemeldeten zahlreichen Juden arbeiteten in den beiden großen Manufaktur- und Modewarengeschäften der Brüder Bach an der Hauptstraße. David Bach (geb. 1857) beschäftigte zeitweise bis zu zehn zumeist jüdische Angestellte und führte sein Geschäft zusammen mit seinem Sohn Alfred. Sein zweiter Sohn Paul war im Ersten Weltkrieg gefallen. Alfred Bach, im Krieg verletzt und mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet, war verheiratet und hatte einen kleinen Sohn. Davids jüngerer Bruder Alex (geb. 1868) beschäftigte neben seinen beiden ledigen Söhnen Arthur und Kurt ebenfalls mehrere Angestellte, einen Lehrling und ein christliches Hausmädchen.
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Die Brüder verfolgten ein ähnliches Geschäftskonzept. Neben dem Ladenverkauf bereisten ihre Angestellten mit Musterkoffern die umliegenden Dörfer. Mit dem Auto wurden die Vertreter mit ihren Fahrrädern morgens in die Dörfer der Ottensteiner Hochebene gefahren, nahmen Bestellungen auf und radelten abends nach Hehlen zurück. Einige Tage später wurden die Waren durch dorfansässige Agenten zugestellt. Es war üblich, im Frühjahr einzukaufen und im Herbst nach der Ernte zu bezahlen.
Während David Bach sich an die jüdischen Gesetze hielt,
koscher aß und zum Sabbat die Hamelner Synagoge aufsuchte, waren sein
Sohn und seine Neffen nicht mehr so stark den religiösen Traditionen
verhaftet. Sie hatten Anteil am geselligen Leben im Ort, waren z.B.
Mitglieder in Turn- und Gesangverein.
Nach der Machtübernahme liefen die Geschäfte trotz aller Behinderungen
weiter. Auf den Dörfern ließ sich der Direktverkauf nur schwer unterbinden.
Zudem kauften auch noch einige Hehlener weiterhin bei Bachs, kamen aber
erst bei Dunkelheit. Bewohner umliegender Dörfer wagten den Einkauf
auch tagsüber. Noch 1937 beschäftigte David sieben und Alex vier Angestellte.
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Der Pogrom im November 1938
Bereits vor dem Novemberpogrom hatte David Bach einen auswärtigen Käufer für sein Geschäft gefunden. Nach der Pogromnacht protestierte der ortsansässige "arische" Inhaber eines Manufaktur- und Modewarengeschäftes gegen den Verkauf. Er hätte sich 1933 auf Drängen der NSDAP und der Gemeinde Hehlen am Ort niedergelassen, um "den Kampf gegen die Juden aufzunehmen", und befürchte nun neue Konkurrenz. Erst im Januar 1940 genehmigte das Innenministerium den Kaufvertrag mit dem Kaufmann aus Fallingbostel. Der zu einem durchaus fairen Preis vollzogene Verkauf nutzte David Bach nichts mehr: Zusammen mit Sohn, Schwiegertochter und Enkel waren der damals 82jährige und seine Frau Ida Anfang 1939 in die USA ausgewandert. Während der Pogromnacht 1938 hat sich David Bach mit seiner Familie nicht in Hehlen aufgehalten.
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Am 10. November morgens um 3 Uhr wurde Hehlens Bürgermeister
und NSDAP-Ortsgruppenleiter Theodor Kreibaum telefonisch von der Kreisleitung
in Holzminden aufgefordert, die im Ort lebenden Juden festzunehmen.
Zusammen mit acht Dorfbewohnern (darunter zwei Handwerksmeister und
der Hauptlehrer) verschaffte er sich bei Alex Bach gewaltsam Einlass:
Vater, Mutter, die beiden Söhne Kurt und Arthur, das Hausmädchen Lieselotte
Eichengrün und der Angestellte Kurt Buchheim wurden aus den Betten gerissen
und in das Feuerwehrspritzenhaus getrieben, wo sie – nur notdürftig
bekleidet – ein oder zwei Nächte verbringen mussten. Einige Nachbarn
halfen heimlich mit Decken und Essen.
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Das Geschäft wurde geplündert, die drei großen Schaufenster gingen zu Bruch. SS-Leute schafften Kurt und Arthur Bach sowie Kurt Buchheim auf einem offenen Lastwagen nach Holzminden; von dort wurden sie in das KZ Buchenwald transportiert. Das Geschäft wurde geschlossen, das Warenlager, soweit nicht geplündert, beschlagnahmt und bei der NSV in Holzminden sichergestellt.
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Die beiden Brüder kehrten erst im März 1939 aus Buchenwald zurück und wanderten einen Monat später über Holland nach Bolivien aus. Die Eltern blieben allein zurück. Um die Auswanderung finanzieren zu können, musste Alex Bach Haus und Grundstück verkaufen. Als er Ende April 1939 mit dem Hehlener Fabrikanten Asmus einen Käufer gefunden hatte, verhinderte das Braunschweigsche Innenministerium auf Intervention von Bürgermeister Kreibaum den Verkauf. Wegen seiner "Judenfreundlichkeit" war Asmus angeblich kein "politisch und aktiv zuverlässiger Volksgenosse". Bach musste letztlich einem niedrigeren Kaufangebot der Gemeinde Hehlen zustimmen.
Trotz weiterer Schikanen gelang dem 72jährigen und seiner Frau im März 1940 die Ausreise nach Bolivien. Mit ihm, so meldete der Bürgermeister, "ist der letzte Jude ausgewandert"; die jüdische Gemeinde Hehlen wurde aus dem Vereinsregister gestrichen. Zwei in Hehlen geborene Jüdinnen wurden im Juli 1942 von Hannover aus nach Theresienstadt deportiert, wo beide umkamen; ein gebürtiger Hehlener Jude gilt als verschollen in Theresienstadt.
Der Kampf um die Wiedergutmachung nach dem Kriege
Der jüdische Friedhof 'An der Eisenbahn', der im November 1938 von Zerstörung verschont blieb, wurde wenig später vermutlich von Mitgliedern der Hehlener SA verwüstet. Nach 1945 wurde das 198 qm große Gelände wieder hergerichtet; von den noch vorhandenen 21 Steinen sind mehrere stark beschädigt, teilweise beim Umstürzen zerbrochen und fehlerhaft wieder aufgestellt. Der Friedhof gehörte ab 1953 dem JTC, seit 1960 dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen.
Nach dem Kriege kämpften die Söhne von Alex Bach in einem 13 Jahre dauernden Rechtsstreit um Wiedergutmachung für die erlittenen Schäden während der Pogromnacht. Schon im Juni 1946 stellte Kurt Bach eine Anklageschrift zusammen; zwei Jahre später erhob die Staatsanwaltschaft gegen zehn Hehlener Einwohner Anklage. Das erste Urteil des Hildesheimer Schwurgerichts vom 30. 11. 1948 wurde vom Obersten Gerichtshof für die britische Zone wegen zu milder Strafen aufgehoben, 1950 stellte das Landgericht Hildesheim das Verfahren ein. 1955 klagten die Opfer selbst, doch ihre Klage wurde abgewiesen, da sie nach Meinung des Gerichts die Plünderungen ihres Geschäftes nicht nachzuweisen vermochten. Erst Ende 1959 stellte das Oberlandesgericht Celle eindeutig die Schuld des ehemaligen Bürgermeisters Kreibaum fest.
Die kostbare Thorarolle aus der Hehlener Synagoge hatte Alex Bach am 10. November 1938 verstecken können. Seinen Söhnen gelang es, sie bei ihrer Auswanderung mitzunehmen. 1986 übergaben sie die Thora der Synagoge der Militärakademie West Point (New York), wo sie zusammen mit einer Plakette "Saved from the Holocaust by their father, Alex Bach" ausgestellt ist.
Die Namen der Opfer
Helene Jacobson
wurde als Helene Katzenstein am 17. September 1862 in Hehlen geboren. Sie wohnte in Göttingen, war verheiratet mit dem Versicherungskaufmann Semmy Jacobsohn und hatte drei Kinder.
Ihr Mann starb im August 1940. März 1942 musste sie ihre Wohnung räumen und in ein Judenhaus ziehen.
Am 23. Juli 1942 wurde sie über Hannover-Ahlem in
das Altersghetto Theresienstadt deportiert. Ihr letzter
Aufenthaltsort in Theresienstadt war Block A II. Helene Jacobson
starb am 6. Januar 1943 im Alter von 80 Jahren in Theresienstadt.
Louis Lindner
wurde am 29. Mai 1850 in Hehlen geboren. Er war Geschäftsmann in Halle und Bodenwerder. Nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1937 verließ er Bodenwerder, ging nach Düsseldorf und wohnte dort in der Grafenberger Allee 78.
Unmittelbar vor der für den 21. Juli 1942 geplanten
Deportation in das Altersghetto Theresienstadt nahm sich der 92 Jahre
alte Mann das Leben (laut Bericht der Gestapo Düsseldorf vom 4. August
1942).
Friederike Rottenstein
wurde als Tochter von Joseph Friedenreich am 10. November 1862 in Hehlen geboren.
Als Witwe zog sie im Jahre 1938 von Wuppertal nach Hannover. Seit 1941 musste sie im "Judenhaus" Auf dem Emmerberge leben, seit 19. Februar 1942 im "Judenhaus" Bergstraße und seit 20. Juni 1942 schließlich im "Judenhaus" Ellernstraße.
Mit dem Transport am 23. Juli 1942 wurde sie über
Hannover-Ahlem in das Altersghetto Theresienstadt deportiert. Ihr letzter
Aufenthaltsort Haus Q 808. Sie starb dort im Alter von 79 Jahren wenige
Monate nach ihrer Ankunft am 24. Oktober 1942.
Politische und religiöse Zugehörigkeit der Gemeinde
Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel bis 1807, Königreich Westfalen 1807-1813, Herzogtum Braunschweig 1813-1918, Freistaat Braunschweig 1918-1941, preußische Provinz Hannover 1941-1945; Regierungsbezirk Hannover ab 1941; Amt Ottenstein bis 1850, Kreis Holzminden ab 1850; heute: Regierungsbezirk Hannover, Landkreis Holzminden.
Synagogengemeinde im Landrabbinat Braunschweig.
Gesamteinwohnerzahl / darunter Juden
Hehlen: 1774: 536 / 3 Familien,
1785: ? / 27, 1829: 899 / 53, 1861: ? / 7 Familien; 1873: 900 / 41,
1905: 987 / ?, 1925: 1.040 / 33, 1933: 1.034 / 29, 1939: 987/2.
Quellen und Literatur
Gelderblom, Bernhard: Jüdisches Leben im mittleren Weserraum zwischen Hehlen und Polle. Von den Anfängen im 14. Jahrhundert bis zu seiner Vernichtung in der nationalsozialistischen Zeit. Ein Gedenkbuch, Holzminden 2003
Jung, Johannes Heinrich: Tractatio iuridica de Jure recipiendi judaeos cum generatim tum speciatim in terris Brunsvico-Luneburgensis, Göttingen 1741, S. 198-206
Kuessner, Dietrich: Die Pogromnacht im Land Braunschweig. In: 'Kristallnacht' und Antisemitismus im Braunschweiger Land. Drei Vorträge im November 1988. Büddenstedt-Offleben 1988 (Arbeiten zur Geschichte der Braunschweigischen ev.-luth. Landeskirche im 19. und 20. Jahrhundert 6), S. 7-35
Lent, Dieter: Die Geschichte von Hehlen an der Weser im Überblick. o. O. 1989
Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover
Staatsarchiv Wolfenbüttel
Kreisarchiv Holzminden