Die jüdische Gemeinde Hameln
Angeschlossene Orte: Hilligsfeld (seit 1843),
Börry, Emmern,
Grohnde, Kirchohsen und Tündern (seit 1912)
Aus der Geschichte der Stadt
Die jüdische Gemeinde
im Mittelalter
Die jüdische Gemeinde in der
Zeit von 1500-1918:
- Soziale
und wirtschaftliche Verhältnisse
Die jüdische Gemeinde in der
Zeit von 1500-1918:
- Die
religiösen Verhältnisse
Die jüdische Gemeinde in den
Jahren der Weimarer Republik
Die jüdische Gemeinde in der NS-Zeit
Nach 1945
Die Namen
der Opfer
Politische
und religiöse Zugehörigkeit der Gemeinde
Gesamteinwohnerzahl
/ darunter Juden
Quellen und Literatur
Aus der Geschichte der Stadt
In Ergänzung zu den Ausführungen auf dieser
Website wird das Thema "Die Stadt Hameln und ihre Juden" auf einer
gesonderten, reich bebilderten Website mit dem Namen
www.juedische-geschichte-hameln.de entfaltet.
Sie gliedert das Thema unter insgesamt sieben Kapiteln:
Ein Gang durch 700 Jahre gemeinsamen Lebens
Die Vernichtung jüdischen Lebens – 1933-1945
Jüdisches Leben in Hameln heute
Synagoge und Mahnmal
Der jüdische Friedhof in der Scharnhorststraße
Auf den Spuren des früheren jüdischen Lebens in
Hameln – ein Stadtrundgang
Der Kibbuz Cheruth in den Dörfern um Aerzen in den
Jahren 1926 – 1930
Um 1200 entstand aus dem Stift St. nifatius, dem
zum Stift gehörenden Markt und dem alten Dorf Hameln die Stadt Hameln.
Früh ergaben sich Rivalitäten um die Stadt zwischen den Grafen von Everstein,
den Bischöfen von Minden und den Welfen. Schließlich konnte Herzog Albrecht
von Braunschweig 1270 die Stadtherrschaft erringen. Die Konkurrenz der
Fürsten hatte der Rat dazu genutzt, sich selbständig zu machen. Im großen
Stadtrechtsprivileg von 1277 bestätigte Herzog Albrecht umfangreiche
Freiheiten und Rechte der Stadt.
Die an der Weser im Kreuzungspunkt mehrerer großer
Straßen gelegene Stadt gewann als Umschlag- und Stapelplatz sowie Zoll-
und Brückenstation überregionale Bedeutung. Seit dem Spätmittelalter
war Hameln Mitglied der Hanse, seine Kaufleute waren auf Zwischenhandel
ausgerichtet. Trotz seiner eher geringen Größe zählte es mit seinen
gut 2.000 Einwohnern Ende des 16 Jhs. zur Gruppe der großen Calenbergschen
Städte. 1540 wurde in der Stadt die Reformation eingeführt. 1572 trat
Hameln aus der Hanse aus und gründete mit anderen welfischen Städten
einen neuen Städtebund.
Im 16. und frühen 17. Jh. erlebte die Stadt ihre kulturelle
und wirtschaftliche Blüte. Vom Reichtum und Selbstbewusstsein des Großbürgertums
und der Landadligen zeugen die Steinbauten der Weserrenaissance. Korn-,
Woll- und Tuchhandel brachten Wohlstand, der durch den Dreißigjährigen
Krieg einen Einbruch erlitt. Mit der Umbildung der alten Ratsverfassung
im Jahre 1688 verlor die Stadt ihre Selbständigkeit. Gleichzeitig erhielt
sie als stärkste Landesfestung des niedersächsischen Grenzraumes einen
breiten Festungsgürtel, der ab 1760 noch ausgebaut wurde.
In westfälischer Zeit wurde die Festung 1808 geschleift,
das umfangreiche Festungsgelände aber erst 1850 für die Bebauung freigegeben.
Jetzt konnte sich die Stadt ausdehnen und zum Standort wichtiger Industrien
entwickeln. 1845 zählte die Stadt 6.404 Einwohner, 1884 bereits 10.924.
Seit 1872 erhielt die Stadt Anschluss an moderne Verkehrswege; sie entwickelte
sich zum Eisenbahnknotenpunkt. Eine wichtige Rolle im Leben der Stadt
spielten auch das große Gefängnis sowie die Garnison.

Die jüdische Gemeinde im Mittelalter
1277 – im großen Stadtrechtsprivileg – werden zum
ersten Mal Juden in Hameln erwähnt. Ihre Herkunft ist nicht bekannt.
Quellen aus der ersten Hälfte des 14. Jhs. belegen, dass sich in diesem
Zeitraum mindestens sieben jüdische Familien in Hameln niederließen.
Unter ihnen waren drei Großfamilien, die über weit verzweigte Familienverbindungen
verfügten: Bunne oder Bunum aus dem benachbarten Oldendorf und sein
Sohn Isaak (seit 1322 bzw. 1325 in Hameln), Samuel und seine Frau Perle,
die 1340 vom Rat auf zehn Jahre als Bürger aufgenommen wurden, und Süßkind
(Zothekind) mit seinem verheirateten Sohn und dessen Familie (ca. 16-20
Personen), der seit 1341 die "Gunst des Rates" besaß. 1344 lebten gut
20 männliche Juden über 13 Jahren in Hameln. Nach der Pest (1348-1351),
die Verfolgungen und Vertreibungen unbekannten Ausmaßes mit sich brachte,
sind erstmals 1360 wieder Juden nachweisbar, aber vermutlich in geringer
Zahl. Mehrere aus Hameln stammende Juden lassen sich in anderen Städten
nachweisen: 1370 erhielt einer von ihnen landesherrlichen Schutz in
Bielefeld; Moses von Hameln lebte 1394-1412 in Göttingen; Brune und
ihre Tochter Jutta aus Hameln wohnten 1406/07 in Erfurt.
Das Stadtrechtsprivileg von 1277 legte fest, dass
jeder Jude, der jetzt oder in Zukunft in Hameln wohnt, von allen Diensten
an den Herzog befreit, der Stadt gegenüber aber zu den so genannten
jura civilia, also den "Diensten eines Bürgers" verpflichtet war. Die
Welfen erkannten die völlige Einfügung der Juden in die Stadtgemeinde
an. Dieses außerordentliche Privileg (in den meisten Städten lag das
Schutzrecht in dieser Zeit bei den Landesherren) wurde in den folgenden
Jahrhunderten mehrmals bestätigt. Allerdings gingen die Herzöge nicht
aller Rechte an den Hamelner Juden verlustig. In bestimmten Fällen konnten
sie außer dem Rat Gerichtsherren sein. Unbeschadet des Privilegs gab
es auch mehrere Abgabenforderungen an die Hamelner Juden durch das Reich
(1418) und den Landesherrn (1456/57). Laut der kaiserlichen Judensteuerverschreibungen
zahlten Hamelns Juden 1418 zusammen 15 Gulden als ihren Anteil am sog.
Bullengeld. Bei zwei bis drei Gulden pro Familie dürften wieder fünf
bis sieben Familien in der Stadt gewohnt haben.
Die Rechtsstellung der jüdischen Bürger glich weitgehend
derjenigen christlicher Bürger, sie unterstanden dem gleichen (unverbrieften
und nicht befristeten) Schutz wie diese und waren zu gleichen Leistungen
verpflichtet. Sie mussten Vermögenssteuern (den Schoß) und weitere Abgaben
zahlen und Anteile am Schutz und an der Verteidigung der Stadt übernehmen.
Diese Pflicht schloss die Haltung von Pferden, den Verleih eigener Pferde
und außerordentliche Leistungen in Notfällen ein. Das "Judenbürgerrecht"
berechtigte jedoch nicht zum Eintritt in eine Gilde und schloss auch
keine politische Mitsprache ein.
Neben dem allgemeinen Judenrecht entwickelte sich
für einzelne neu aufgenommene Familien, an denen der Rat ein starkes
Interesse hatte, ein besonderer Judenschutz, der sie von der Mehrzahl
der Pflichten des allgemeinen Judenrechts entband. Die in Hameln seit
1340 unter besonderem Schutz lebenden Juden hatten sich nur noch an
den Wachdiensten und den Befestigungsarbeiten zu beteiligen. Als Gegenleistung
musste die fällige Steuersumme im voraus für sechs oder zehn Jahre entrichtet
werden – für die städtische Kasse eine beträchtliche Einnahmequelle.
Der besondere Judenschutz ist in vier Privilegien
aus den Jahren 1340 und 1341 überliefert. Vorstufen sind in fünf Niederlassungsverträgen
der 20er Jahre fassbar. Bereits hier wurden städtische Bürgerpflichten
kontraktlich abgelöst. Steuerverträge und Schutzbriefe sind aus Hameln
seit 1322 überliefert. Früher als für Hameln sind nur für Goslar Schutzbriefe
belegt. Wie in Goslar setzte sich in Hameln der individuelle Schutzbrief,
der es vermögenden Juden erlaubte, sich Privilegien zu erkaufen, gegen
das allgemeine Judenrecht durch. Nur die "aremen joden", die ihre Steuer
nicht im voraus entrichten konnten, unterstanden noch dem allgemeinen
Judenrecht. Diese Praxis beinhaltet einen Selektionsprozess. Nur noch
wirtschaftlich potente Familien wurden aufgenommen. Die vermögenden
Juden waren als Geldverleiher, d.h. im Pfandgeschäft tätig – und das
auch überörtlich. Ihre Schuldner kamen aus Höxter, Hastenbeck und Stadthagen.
Einschränkende Bestimmungen (etwa Verbot des Fleischverkaufs
an Christen, Höchstzinssätze, Verbot des gemeinsamen Badens, Kleiderordnungen,
entehrende Eidesformalitäten) sind in Hameln ebenso wenig belegt wie
antijüdische Sprachstereotypen in den Schriftsätzen des Hamelner Rates.
Auch über Bestrebungen des Rates, die auf eine Ausweisung der Juden
abzielen, ist nichts bekannt.
Ein abgeschlossenes Judenviertel scheint es zumindest
im 14. und 15. Jh. in Hameln nicht gegeben zu haben. Eine "Judengasse"
wird erstmals 1552 erwähnt. Im Hof eines von der Stadt angemieteten,
aber nicht mehr zu lokalisierenden Hauses existierte bereits 1341 eine
als "dere stad scole" bezeichnete Synagoge. 1344 bestand die Absicht,
in diesem Haus ein Hospiz für arme Juden einzurichten. Von Juden bewohnt
war ein ebenfalls von der Stadt angemietetes Steinhaus mit zwei benachbarten
Buden und ein Haus, zu dem ein Hof gehörte. Über einen Friedhof ist
für diese Zeit nichts bekannt.
Ein Streit zwischen der Familie Zothekinds und den
Familien Isaaks und seiner Kinder spaltete die Gemeinde. Anlass mag
die rechtliche Besserstellung gewesen sein, die Zothekind (Süßkind)
in seinem Niederlassungsprivileg (1341) erreichte, möglicherweise aber
auch die Konkurrenz der Geldverleiher. Der Rat griff ein und entschied
den Streit 1344 zugunsten der Familie Zothekinds. Sie wurde amnestiert
und erhielt das Recht, die Synagoge der Gemeinde zu besuchen oder sich
eine neue Synagoge einzurichten (in ihrem eigenen Haus oder "anderswo
in Hameln") und dorthin die Hälfte der "aremen joden" mitzunehmen. Ob
eine zweite Synagoge entstand, ist nicht bekannt. Der Hauptanstifter
der Unruhen wurde aus der Stadt verwiesen.

Die jüdische Gemeinde in der Zeit von 1500-1918:
Soziale und wirtschaftliche Verhältnisse
Für das 16. Jh. wird die Haltung der Stadt Hameln
als "auffällig judenfreundlich" eingeschätzt. So setzte sich Hamelns
Obrigkeit in der Reformationszeit (1535) für die Abschaffung ritualisierter
Verspottungen von Juden ein. Im Zusammenhang mit Fastnachtsspielen hatte
es in der Bevölkerung die Gewohnheit gegeben, die Juden auf einem Tuch
in die Luft zu werfen. 1570 wurde ein Christ wegen "Gewalt an Juden"
zu 6 Pfund Strafe verurteilt. Dennoch zeigten auch in Hameln die in
der zweiten Hälfte des 16. Jhs. ausgesprochenen Aufenthaltsverbote des
Landesherrn Wirkung: Über einen längeren Zeitraum lebte nur ein einziger
Schutzjude in der Stadt – nicht zuletzt, weil die Stadt Hameln sich
über das 1591 verhängte Ausweisungsedikt hinwegsetzte und die Großfamilie
von Israel heimlich duldete. 1596 gehörten zu seinem Haus sieben Erwachsene.
Angesichts einer erneuten Judenaustreibung im Jahre 1615 schrieb die
Stadt zwei Briefe an den Landesherrn mit der Bitte, doch einen oder
zwei Juden behalten zu dürfen – aus wirtschaftlichen Gründen sowie aus
Mitleid mit den armen Juden.
Die Kopfsteuerbeschreibung von 1689 nennt für Hameln
wieder vier jüdische Familien mit insgesamt 37 Mitgliedern. Mehrere
der um 1700 in Hameln lebenden jüdischen Familien (u.a. Gans, Schay,
Hamm und Goldschmidt) waren sehr wohlhabend und besaßen überwiegend
ein Haus und Dienerschaft. Die Messebesuche belegen, dass es sich nicht
um Krämer, sondern um Fernhändler mit weit reichenden Beziehungen handelte.
Durch Heiraten waren sie vielfältig verwandtschaftlich miteinander verbunden
und zählten zur jüdischen Oberschicht in Nordwestdeutschland. Für diese
Familien erwies sich Hameln letztlich als zu klein. Sie wechselten u.a.
ins benachbarte Hannover.
In den Kämmereirechnungen für die Jahre 1713 bis 1840
schwanken die Angaben über den jüdischen Bevölkerungsanteil stark. Er
liegt zwischen einer und neunzehn jüdischen Familien. Während des Siebenjährigen
Krieges (1756-1763) sank die Zahl der Schutzjuden zeitweise auf einen.
Seit Ende des 18. Jhs. gewann die jüdische Einwohnerschaft wieder an
Konstanz. Durchschnittlich lebten zwölf jüdische Familien in der Stadt.
Insgesamt war die wirtschaftliche Lage der Hamelner
Juden im 18. und der ersten Hälfte des 19. Jhs. nicht gut. 1831 wurden
sechs von zehn Juden wegen Bedürftigkeit von der Zahlung des Schutzgeldes
befreit. 1833 beklagte sich der Magistrat über viele "bettelarme" Juden
in der Stadt. In der ersten Hälfte des 19. Jhs. befassten sich allein
sechs Familien (von zehn bis zwölf) in Hameln mit dem Trödelhandel.
Dazu kamen zunftfreie Gewerbe (Buchbinderei, Putzmacherei, Tabakshandel,
ein Wattegeschäft) sowie Geldgeschäfte und Lotteriekollektion. Seit
ca. 1833 gab es einen jüdischen Arzt. Von Mitte des 19. Jhs. an wurde
Hameln zum wirtschaftlichen Anziehungspunkt für die jüdische Bevölkerung
der umliegenden Dörfer. Viele "Landjuden" verlegten ihren Wohnsitz in
die Stadt, so dass die Anzahl der Juden in Hameln von 86 im Jahr 1845
auf 220 im Jahr 1899 anstieg. Fünf erfolgreiche Bankgeschäfte und zahlreiche
Manufakturwarengeschäfte entstanden. Die aus der Umgebung hinzuziehenden
Juden versuchten sich als Getreide-, Vieh- und Pferdehändler. Akademiker
gab es kaum, ebenso wenig öffneten sich die Hamelner Juden den handwerklichen
Berufen.

Die jüdische Gemeinde in der Zeit von 1500-1918:
Die religiösen Verhältnisse
1732 wurde in Hameln formell eine jüdischen Gemeinde
gegründet, die dem Landrabbinat Hannover unterstand.
Mit Blick auf den bevorstehenden Festungsbau, in dessen
Zuge der alte Friedhof (im Bereich des heutigen Krankenhauses an der
Weser) 1761 mitsamt den Grabsteinen zerstört und eingeebnet wurde, kaufte
die Gemeinde 1743 von dem Bürger Loding für 72 Taler den "Garten vor
dem Ostertor" an der heutigen Scharnhorststraße und legte dort ihren
Friedhof an. Landrabbiner Meyer stellte 1875 fest, dass der Friedhof
"eigen, schön in Ordnung und befriedigt" sei. Vier Jahre später unterstützte
er den von Gemeindevorsteher Carl Michaelis aufgrund des stetigen Anwachsens
der jüdischen Gemeinde gestellten Antrag auf Erweiterung des Geländes
um über 1.200 qm auf 2.126 qm. Die landdrosteiliche Genehmigung datiert
auf den 16. 1. 1880. Seit 1908 regelte eine Friedhofs- und Beerdigungs-Ordnung
die Art und Weise der Bestattungen und die Gestaltung der Gräber.
Die Gottesdienste wurden seit ca. 1670 in einem gemieteten
Zimmer in einem Wohnhaus in der Bäckerstraße abgehalten. Dort gab es
auch eine Mikwe. Seit 1776 befand sich die Synagoge in einem Raum des
Hauses Alte Marktstraße 12. Das Haus gehörte einem Christen und wurde
um 1864 gekauft. Um 1800 wird mit Joseph Fränkel erstmals ein Vorsänger
und Schächter genannt. Reparaturen und Verschönerungsarbeiten änderten
nichts daran, daß seit Mitte des 19. Jhs. die Klagen über den Betraum
zunahmen. 1874 notierte Landrabbiner Meyer, die Synagoge sei zu klein
und baufällig. Schon in den 60er Jahren gab es Überlegungen zum Neubau
oder Kauf eines Synagogengebäudes; spätestens seit 1874 existierten
ein Synagogenbaufond und einige größere Schenkungen zugunsten des Neubaues.
Als der Magistrat 1875/76 der jüdischen Gemeinde die leer stehende Garnisonskirche
zur Einrichtung einer Synagoge verkaufte, kam es zu massiven antijüdischen
Protesten: Einzelne evangelische Pfarrer sahen in der Umwandlung der
Kirche in eine Synagoge eine Entweihung und hätten es viel leichter
ertragen, die Kirche zu profanen Zwecken genutzt zu sehen. Mit der vorgeschobenen
Begründung, der Kaufpreis sei zu niedrig, untersagte die Landdrostei
schließlich den Verkauf.
Da das alte Synagogengebäude bereits verkauft war,
geriet die Gemeinde nun unter erheblichem Zeitdruck. Als die Stadt ihr
ein Grundstück in der abgelegenen Bürenstraße verbunden mit einem zinsgünstigen
Kredit anbot, griff die Gemeinde nach langwierigen Diskussionen und
Auseinandersetzungen schließlich zu und beauftragte den Architekten
und Erbauer der neuen hannoverschen Synagoge, Edwin Oppler, mit dem
Bau von Synagoge und Lehrerhaus. Der 1879 eingeweihte monumentale Bau
im romanischen Stil dokumentierte eindrucksvoll die überwiegend konservative
und nationale Einstellung der Gemeinde. 1883 war der Bau Ziel von Verwüstungen:
Fenster wurden eingeschlagen und Steine aus der Fassade herausgebrochen.
Erstmals Anfang der 30er Jahre des 19. Jhs. werden
1832 der Lehrer Herz und 1834 ein im Hause Silberschmidt wohnender Lehrer
genannt. Ende der 30er Jahre bemängelte Landrabbiner Adler, daß die
acht schulpflichtigen Kinder seit fünf Jahren ohne Religionsunterricht
seien. Nachdem die Gemeinde seinen Anordnungen auf Einstellung eines
Lehrers nicht folgte, schaltete Adler den Magistrat ein. Mehrere Strafgeldandrohungen
durch Bürgermeister Domeier hatten letztlich 1839 die Einstellung von
Josua Leszynsky zur Folge. Im Gegensatz zu anderen Gemeinden blieben
die Lehrer in Hameln bis ins 20. Jh. hinein jeweils sehr lange im Amt
sind und sorgten für eine große Konstanz im Gottesdienst und in der
Schule: Josua Leszynsky (bis 1872), Adolf Rosenbaum (1872-1898) und
Salomon Bachrach (1898-1926).
In den ersten Jahren seiner Amtszeit unterrichtete
der aus Polen stammende Leszynsky, der auch Vorsänger und Schächter
war, durchschnittlich zehn Kinder in allen Fächern. In die Amtszeit
von Leszynsky fiel auch die Umsetzung des Gesetzes über die Rechtsverhältnisse
der Juden vom 30. September 1842. In dessen Zuge wurde 1843 die Synagogengemeinde
Hameln gegründet, der von Anfang an auch die Juden aus Hilligsfeld angehörten.
Als Folge der neuen Gesetzgebung schloss die Landdrostei die jüdische
Elementarschule, da sie den gesetzlichen Erfordernissen an einen allgemeinen
Unterricht nicht entsprach. Leszynsky blieb als Religionslehrer und
unterrichtete 1859/60 14, 1864 22 und 1867 27 Kinder. In der Zeit der
Emanzipation und Assimilation führte Leszynsky die Gemeinde konsequent
auf einen Reformkurs. In seine Zeit fällt die Einführung der deutschen
Sprache im Gottesdienst; anlässlich einer "Konfirmation" erklangen in
der Synagoge mehrstimmig deutsche Choräle.
1872 kam Adolf Rosenbaum als Religionslehrer nach
Hameln. Überlegungen, wieder eine Elementarschule einzurichten, wurden
fallengelassen. Die Zahl der Schüler betrug damals 23; 1874 waren es
28. Rosenbaum war auch Seelsorger der jüdischen Häftlinge in der Hamelner
Strafanstalt, dem zentralen Haftort für die jüdischen Häftlinge in Provinz
Hannover.
Nachfolger wurde Salomon Bachrach, der zuvor als erster
Lehrer an der 1893 gegründeten Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem
tätig gewesen war. An seinem Religionsunterricht nahmen 1901 noch 42
Kinder teil, 1913 war ihre Zahl auf 25 gesunken. Der 1911 gestellte
Antrag auf Einrichtung einer selbständigen Volksschule wurde abgelehnt.

Die jüdische Gemeinde in den Jahren der Weimarer
Republik
Die Zahl der Gemeindemitglieder erreichte während
der Weimarer Zeit nicht mehr den Stand der Blütezeit der Gemeinde am
Ende des 19. Jhs. Der Zuzug von den Dörfern wurde durch den Wegzug in
die Großstädte übertroffen. Der Rückgang machte sich auch in geringen
Schülerzahlen bemerkbar: Gab es 1921 noch 36 Schulkinder, waren es 1928
nur zwölf. Die drei Lehrer der Weimarer Zeit – Salomon Bachrach (bis
1925), Josef Rosenzweig (1925-1928) und Hermann Scheuer (ab 1929) –
unterrichteten auch in Nachbarorten und fungierten als Kantor und Schächter.
Der Schwerpunkt des Anteils der Juden am ökonomischen
Leben der Stadt lag im Bereich Kleiderkonfektion und Manufakturwaren
sowie Vieh-, Pferde- und Landhandel. Das einzige Kaufhaus der Stadt
war in jüdischem Besitz. Das jüdische Bankwesen war hingegen zumeist
schon um die Jahrhundertwende eingegangen. Hinzugekommen waren einige
Fabrikanten (Teppichwerk und Wollwarenfabrik). Recht wenig waren jüdische
Akademiker vertreten; es gab zwei, zeitweise drei jüdische Ärzte sowie
zwei Rechtsanwälte. Arbeiter, Angestellte, auch berufstätige Frauen
wies die traditionelle und kleinstädtische Hamelner jüdische Gemeinde
kaum auf. Viele Hamelner Juden gehörten dem eher gehobenen bürgerlichen
Mittelstand an. Daneben gab es aber eine größere Zahl unverheirateter
oder verwitweter Gemeindemitglieder, die vom Besitz eines kleinen Hauses,
Mieteinnahmen oder Renten (einzelne auch von der Fürsorge) lebten.
Auffällig ist, dass Mitglieder der Synagogengemeinde
keinen Zugang zu politischen Ämtern suchten, was der ökonomischen Bedeutung
der Gemeinde durchaus entsprochen hätte. Im Rat der Stadt war nie ein
Jude vertreten.
Gegenüber antisemitischen Ereignissen (z.B. 1921 eine
vom deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund einberufene Versammlung;
um 1930 eine handgreifliche Auseinandersetzung zwischen einem Nationalsozialisten
und einem jüdischen Viehhändler in Hessisch Oldendorf, die für große
Aufregung sorgte; 1931/32 Flugblätter der NSDAP-Ortsgruppe Hameln mit
der Aufforderung zum Boykott jüdischer Geschäfte) verhielt sich die
Gemeinde eher passiv und verwies immer wieder auf die im Kriege für
Deutschland erworbenen Verdienste und auf ihre Staatstreue.
Auf das kulturelle Leben der Stadt blieben die Juden
ohne großen Einfluss. Einzig der "Verein für jüdische Geschichte und
Literatur" bemühte sich aktiv, durch Vorträge jüdische Themen in die
Öffentlichkeit zu tragen. Aber auch diese Aktivität erlahmte nach dem
Tod seines langjährigen Vorsitzenden Salomon Bachrach (1926).
Blickt man auf die jüdischen Vereine, die neben diversen
gemeindlichen Wohlfahrtsinstitutionen bestanden, stellte sich die Jüdische
Gemeinde als recht konservativ dar. Der von Willy Löwenstein und später
von Dr. Ernst Herzberg geführte "Reichsbund für jüdische Frontsoldaten"
zählte durchschnittlich 30 Mitglieder.1920 ließ er in der Synagoge eine
bronzene Gedenktafel für die sechs im Ersten Weltkrieg zu beklagenden
jüdischen Gefallenen anbringen. Der "Centralverein deutscher Staatsbürger
jüdischen Glaubens" war mit 25 Mitgliedern ebenfalls stark vertreten.
Auch hier hatte Dr. Herzberg den Vorsitz inne. Die zionistische Bewegung
spielte in Hameln nur eine geringe Rolle; die Ortsgruppe der "Zionistischen
Vereinigung" – 1912 erstmals genannt – zählte nur wenige Mitglieder.
Sie war ebenfalls konservativ, lehnte lange die Auswanderung nach Palästina
ab und stand in keinem Zusammenhang mit dem vom Hamelner Zahnarzt Hermann
Gradnauer 1926 mitgegründeten "Kibbuz Cheruth", einem Ausbildungszentrum
für zionistische Jugendliche in den Dörfern zwischen Hameln und Pyrmont,
das sich auf die Ideen des Brit Haolim ("Bund der Aufsteigenden") berief.
Gradnauer war einer der wenigen Zionisten in der sehr konservativen
Hamelner jüdischen Gemeinde. Er besorgte den Kibbuzniks, die aus ganz
Deutschland und aus Osteuropa nach Hameln kamen (unter ihnen jedoch
niemand aus Hameln) Stellen bei den Bauern, organisierte die "Kulturarbeit"
und hielt Vorträge über die Kibbuzbewegung, die er von eigenen Reisen
her kannte. Ende der 20er Jahre gab er seine Praxis am Kastanienwall
auf und ließ sich in Palästina, im Kibbuz Givat Brenner, nieder.

Die jüdische Gemeinde in der NS-Zeit
Unmittelbar nach der Reichstagswahl vom 5. 3. 1933
setzten in Hameln scharfe Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte
und Privatpersonen ein. Es gab einen Brandanschlag auf die Synagoge,
Fensterscheiben von jüdischen Geschäften wurden zerschlagen, SA-Männer
zogen mit einem Galgen durch die Stadt und stellten ihn vor jüdischen
Geschäften auf, jüdische Männer wurden mit umgehängten Schildern durch
die Straßen getrieben, vereinzelt kam es zu Plünderungen. Höhepunkt
war der offizielle Boykott-Tag am 1. April, zu dem eine großformatige
Anzeige in der Deister- und Weserzeitung erschien, die insgesamt 29
jüdische Geschäftsleute, Ärzte und Rechtsanwälte mit Namen und Anschrift
aufzählte.
Die Boykottaktionen gingen auch nach dem 1. 4. 1933
weiter. Bürger wurden beim Betreten jüdischer Geschäfte von Hitlerjungen
fotografiert. Einen besonderen Höhepunkt erreichten die Boykottmaßnahmen
noch einmal im Sommer 1935. Die Namen von "Judenfreunden" wurden in
den so genannten Stürmerkästen veröffentlicht, von denen einer neben
der Synagoge in der Bürenstraße stand, der andere gegenüber dem Rathaus.
An verschiedenen Stellen der Stadt, u.a. auf dem Pferdemarkt, wurden
damals Schilder mit antijüdischen Parolen angebracht. Im April und Mai
1935 kam es außerdem zu mehreren Anschlägen auf die Synagoge. Verantwortlich
für diese besonders schlimmen Auswüchse des "Radauantisemitismus" war
die Führung der Ortsgruppe der NSDAP Hameln. Männer wie Kalusche, Scheller,
Teich und Melcher standen für demonstrative Radikalität im Vorgehen
gegen die Hamelner Juden. Die Hamelner NSDAP hat diese Männer später
selbst als Belastung empfunden und aus ihren Ämtern entfernt.
Die Hamelner jüdischen Geschäftsleute selbst wehrten
sich kaum. Ansätze zum Protest bzw. Widerstand gab es nur bei dem Kaufmann
Salomon Keyser, der die niederländische Staatsangehörigkeit besaß. Seine
Beschwerden bei der Stadt blieben jedoch erfolglos.
Die Boykottmaßnahmen führten zu zahlreichen Firmenverkäufen
und Vergleichsverfahren. Konkurse konnten mit Mühe abgewendet werden.
Im Jahre 1935 waren von den 29 im Boykottaufruf genannten Firmen, Geschäften
und Praxen gut zwei Drittel geschlossen bzw. verkauft. Faktische Berufsverbote
(Entzug der Kassenzulassung und der Zulassung zu den Gerichten) trafen
die jüdischen Ärzte und Rechtsanwälte der Stadt, von denen die Mehrzahl
auswanderte.
1935 gab es nur noch wenige offene jüdische Ladengeschäfte
in der Stadt. Manche, die ihr Geschäft hatten aufgeben müssen, arbeiteten
nun als reisende Kaufleute, einzelne als Fabrikarbeiter. Jüdische Viehhändler
betrieben ihre Geschäfte noch weiter, was den besonderen Zorn von NSDAP
und Oberbürgermeister hervorrief. Insgesamt war die ökonomische Lage
der Hamelner Juden schlecht, und sie verschlechterte sich weiter von
Jahr zu Jahr.
Ende 1938 hatten an Juden ausgegebene Wandergewerbescheine
ihre Gültigkeit verloren, so dass es ihnen nun auch verwehrt war, als
Vertreter zu arbeiten. Sie lebten von Renten, kleinen Mieteinkünften
und vom Vermögen, einzelne auch von der Fürsorge.
Auswanderungen waren in der frühen Phase des Nationalsozialismus
eher selten. Die jüdische Gemeinde riet von Auswanderungen ab. Es waren
einzelne junge, häufig zionistisch orientierte Leute, die Deutschland
verließen. Die Mehrzahl der übrigen, die aus Hameln wegzogen, suchte
die Anonymität der Großstädte und ging vor allem nach Hannover.
Die Jahre 1935 bis 1938 brachten eine erhebliche Verschärfung
der antijüdischen Politik. An die Stelle des in Hameln besonders starken
"Radauantisemitismus" traten nun allerdings Maßnahmen der Behörden,
die im Ergebnis viel effizienter waren, der städtischen Öffentlichkeit
aber weitgehend verborgen blieben.
1935 verstärkte die jüdische Gemeinde ihre Versammlungstätigkeit.
In zahlreichen Vorträgen auswärtiger Referenten traten die Differenzen
zwischen Zionisten, die die Auswanderung propagierten, und den Juden,
die in Deutschland bleiben wollten, klar hervor. Der Reichsbund befürwortete
nun zumindest die Auswanderung der jüdischen Jugendlichen. Erst 1936,
als die Auswanderung in viele Länder bereits sehr erschwert war, setzte
sich der Reichsbund für die Auswanderung aller Juden aus Deutschland
ein.
Durch Gesetz vom 28. März 1938 verlor die Synagogengemeinde
ihren öffentlich-rechtlichen Status und unterlag als Verein der Aufsicht
durch die Verwaltung. Der Gemeindevorsitz wechselte in der NS-Zeit häufig,
und die Gemeinde hatte Mühe, den Posten zu besetzen. Nach dem Tod von
Julius Michaelis übernahm 1934 zunächst Theo Friedmann, dann 1936 der
Viehhändler Albert Jonas den Posten. Dieser trat nach einem Jahr aus
gesundheitlichen Gründen zurück und wurde durch den Rechtsanwalt Harry
Binheim abgelöst. Binheim, dem im Herbst 1937 die Ausreise nach Palästina
gelang, folgte Dr. Siegmund Kratzenstein. Nach Kratzenstein, der die
Misshandlungen im KZ Buchenwald nicht überlebte, übernahm der greise
Elias Birnbaum das Amt. 1941, nach dessen Tod, wurde schließlich Fräulein
Löwenstein als "Vertrauensfrau" der Gemeinde genannt.
In der Nacht zum 10. November 1938 wurde die Synagoge
angezündet und durch das Feuer völlig zerstört. Die Täter waren überwiegend
SA-Leute und einige SS-Männer aus Hameln. Gestapo-Beamte beschlagnahmten
das Archiv der Synagogengemeinde. Die Feuerwehr schützte die Nachbarhäuser.
Die Stadt Hameln ließ in den folgenden Tagen die Ruine bis auf die Grundmauern
abtragen, kaufte das Grundstück für einen geringen Preis und wandelte
es in Gartenland um.
Auf dem Friedhof an der Scharnhorststraße wurden in
dieser Nacht die meisten Grabsteine umgeworfen, einige mit Spitzhacken
in Splitter gehackt. Das Gelände des Friedhofes wurde 1943 durch die
"Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" an einen Steinmetzmeister
verpachtet und die noch vorhandenen Steine für 1.215 RM verkauft.
Die beiden letzten jüdischen Manufakturwarengeschäfte
von Bernstein und Hammerschlag wurden geplündert und die Warenlager
am folgenden Tage zugunsten der NSV beschlagnahmt. Beide Geschäfte wurden
anschließend geschlossen.
Zehn jüdische Männer wurden in der Nacht verhaftet,
teilweise vor die brennende Synagoge geführt und dann über Hannover
nach Buchenwald verschleppt. Walter Katz kam dort um. Der Arzt Dr. Siegmund
Kratzenstein starb wenige Tage nach seiner Entlassung an den Folgen
der Misshandlungen. Am 1. 12. 1938 wurde er auf dem zerstörten Friedhof
bestattet. Ein Teil der Männer blieb bis März 1939 in Buchenwald. Von
den acht Hamelner Juden, die Buchenwald überlebten, gelang in der Folge
nur dreien die Ausreise.
Nach dem Novemberpogrom kam es zu verzweifelten Versuchen,
die Auswanderungsbemühungen zu forcieren. Die Eheleute Max und Margarete
Birnbaum, die 1937 ihre beiden Kinder ins Ausland geschickt hatten,
wurden bei dem Versuch, Devisen für die Auswanderung auf dem Schwarzen
Markt zu beschaffen, verraten und verhaftet. Während der Untersuchungshaft
nahm sich Margarete Birnbaum das Leben, ihr Mann wurde zu sechs Monaten
Gefängnis verurteilt. Im März 1942 wurde er in das Warschauer Ghetto
deportiert. Ende Juni 1941 konnte Emilie Frankenstein über Marseille
nach Palästina auswandern. Sie war vermutlich die letzte jüdische Einwohnerin
Hamelns, der die Auswanderung gelang. 1939 lebten noch 44 jüdische Menschen
in der Stadt.
Besonders früh im Vergleich zu anderen Städten richtete
die Stadt Hameln so genannte Judenhäuser ein. Bereits im Oktober 1939
wurden durch den städtischen Vermessungsrat Reiche zwei Häuser als "Judenhäuser"
festgelegt: der große Wohnkomplex Neue Marktstraße 13/Hummenstraße 1
sowie das Haus Pferdemarkt 8. Die "Wohnungsumsetzungen" begannen sofort.
Im Sommer 1940 war die Belegung der "Judenhäuser" im wesentlichen abgeschlossen.
Anfang 1941 lebten im "Judenhaus" Neue Marktstraße 17 jüdische Personen,
im Haus Pferdemarkt 8 waren es fünf jüdische Frauen. Von den 22 Menschen
waren 16 älter als 60 Jahre. Nur vier Männer waren darunter, von denen
zwei, die im arbeitsfähigen Alter waren, Zwangsarbeit leisten mussten.
Vereinzelt lebten jüdische Personen auch noch 1941 in ihren angestammten
Wohnungen.
Die Einzelheiten über die Transporte aus Hameln liegen
weitgehend im Dunkeln. Ende März 1942 wurden 13 Hamelner Juden in die
zentrale Sammelstelle nach Hannover-Ahlem gebracht und von dort am 1.
April nach Warschau deportiert; unter ihnen die erst fünfjährige Helene
Hammerschlag. Mit dem Transport, der am 23. Juli 1942 aus Ahlem nach
Theresienstadt abging, wurden ebenfalls 13 Juden aus Hameln sowie zwei
aus dem benachbarten Hemeringen deportiert. Die in das Warschauer Ghetto
Deportierten gelten sämtlich als verschollen. Die alten jüdischen Menschen,
die nach Theresienstadt deportiert wurden, starben zumeist an den unsäglichen
Lebensbedingungen im Lager; fünf von ihnen mussten noch einen weiteren
Weg in eines der Vernichtungslager antreten. Eine Hamelner Jüdin überlebte
Theresienstadt. Jettchen Birnbaum gehörte zu den 1.210 Juden, die das
Internationale Rote Kreuz am 5. Februar 1945 in die Schweiz bringen
konnte, wo sie jedoch wenige Monate später verstarb.
Viele Hamelner Juden waren in die Großstädte gezogen,
um dort im Schutze der Anonymität vermeintlich sicherer zu leben. Viele
waren auch in die Niederlande emigriert. Sie sind mit ganz wenigen Ausnahmen
ebenfalls deportiert worden. Insgesamt sind 101 Hamelner Jüdinnen und
Juden deportiert und umgebracht worden.
Auch nach den Deportationen des Jahres 1942 lebten
weiterhin Juden in der Stadt, zumeist waren es Frauen aus so genannten
Mischehen und eine größere Anzahl von "Mischlingen ersten Grades". Aufgrund
eines Erlasses vom Oktober 1944 waren alle "Mischlinge ersten Grades"
und "jüdisch Versippte" zum "geschlossenen Arbeitseinsatz" zu bringen.
Die Männer aus dem Hamelner Raum wurden in das Konzentrationslager Holzen
bei Eschershausen eingeliefert. Im Februar 1945 sollten die "jüdischen
Teile aus Mischehen" nach Theresienstadt deportiert werden. Auf der
Transportliste fanden sich sieben Namen jüdischer Frauen und Männer
aus Hameln sowie fünf Namen aus dem Kreis Hameln-Pyrmont. In mehreren
Fällen protestierten Angehörige erfolgreich gegen den Deportationsbefehl.
Der Arzt Dr. Richard Klages nahm eine jüdische Frau in seine Privatstation
auf und machte sie durch Spritzen transportunfähig. Diejenigen, die
deportiert wurden, kehrten einige Monate nach der Befreiung des Lagers
nach Hameln zurück.
Die Vernichtung des jüdischen Lebens 1933-1945

Nach 1945
Von den vertriebenen Hamelner Juden kehrte niemand
nach Hameln zurück. Von den in "Mischehe" lebenden Juden und ihren Kindern
bekannte sich niemand zum Judentum. Jüdisches Leben in Hameln war für
eine lange Zeit erloschen.
Auf Anordnung der britischen Besatzungsmacht und auf
Drängen der jüdischen Gemeinde in Hannover erklärte sich die Stadt Hameln
1946 bereit, den Friedhof instand zu setzen. Da man sich nicht bemühte,
zerschlagene Steine wieder zusammenzusetzen, blieb die Rekonstruktion
unvollkommen. Es ist von einem Verlust von ca. 100 Steinen auszugehen;
173 Grabsteine sind noch erhalten.
Von Überlebenden oder der Jewish Trust Corporation
in den folgenden Jahren angestrengte Wiedergutmachungsverfahren führten
in mehreren Fällen zu Entschädigungszahlungen; die Verkäufe selbst wurden
nicht rückgängig gemacht. Die Stadt Hameln blieb im Besitz des Grundstückes
der ehemaligen Synagoge, wobei es allerdings zu einem Wiedergutmachungsverfahren
kam. Die Stadt verpachtete das als Garten genutzte Grundstück an den
Mieter des ehemaligen Lehrerhauses. Einen Prozess um die Vorgänge des
9. November 1938 hat es nicht gegeben. Auch die für den wilden antisemitischen
Ausschreitungen der Jahre 1933-1935 Verantwortlichen wurden nicht vor
Gericht gestellt. Sie waren teilweise noch vor Kriegsbeginn aus Hameln
verschwunden.
Zwei städtische Beamte, die bei der Umsetzung der
antijüdischen Maßnahmen besonders hervorgetreten waren, Stadtrat Dr.
Hans Krüger und Vermessungsrat Gerhard Reiche, wurden nach Kriegsende
entlassen und hatten sich einem Entnazifizierungsverfahren zu stellen.
1951 waren beide Beamte jedoch wieder in ihren angestammten Ämtern bei
der Stadt Hameln beschäftigt.
Im November 1963 wurde auf Anregung des überlebenden
Moshe Keyser auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge, auf dem zwischenzeitlich
ein Spielplatz angelegt worden war, ein bescheidener Gedenkstein aufgestellt.
Veröffentlichungen und Ausstellungen zur Geschichte der Hamelner Juden
und ihrem Schicksal sowie die Kontaktaufnahme mit überlebenden Juden
und regelmäßige Einladungen der Stadt gaben Anstöße zur Beschäftigung
mit der jüdischen Geschichte und zu ihrer Aufarbeitung. Ein von der
Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit initiierter Aufruf
ermöglichte 1996 eine weitgehend aus privaten Spendenmitteln finanzierte
Neugestaltung des Mahnmals; es enthält eine Stele des hannoverschen
Künstlers Breuste und fünf Tafeln, die Namen und Schicksale aller aus
Hameln stammenden Deportierten nennen.
1997 gründete sich die Jüdische Gemeinde Hameln e.V.
Sie ist Mitglied im neu gegründeten Landesverband der (liberalen) Israelitischen
Kultusgemeinden von Niedersachsen e.V. Dem Verein gehören nahezu ausnahmslos
jüdische Kontingentflüchtlingen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion
an. 1998 wurde eine zweite jüdische Gemeinde in Hameln gegründet, die
Jüdische Kultusgemeinde Hameln-Pyrmont, die dem Landesverband der jüdischen
Gemeinden Niedersachsens angehört. Seit dem Jahre 1998 hat es wieder
Bestattungen auf dem jüdischen Friedhof an der Scharnhorststraße gegeben,
der inzwischen von der Jüdischen Kultusgemeinde gepflegt wird. Im Jahre
2002 errichtete die liberale jüdische Gemeinde einen zweiten Friedhof
auf dem Wehl.

Die Namen der Opfer
Zur Einführung
Das vorliegende Gedenkbuch hat die Aufgabe, an die
Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft Hamelns
zu erinnern, die während der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden.
Es verzeichnet einhundert Namen von Menschen, die in Hameln geboren
wurden, in dieser Stadt lebten oder Hameln als Wohnsitz nahmen. Aufgenommen
wurden auch Bewohner der unmittelbar angrenzenden Dörfer wie Tündern
und Hemeringen.
Die Mehrzahl der Ermordeten hat die Stadt Hameln
vor der Katastrophe verlassen, häufig deswegen, weil sie sich angesichts
des alltäglichen Antisemitismus in der Anonymität einer Großstadt wie
Hamburg oder Berlin sicherer fühlten. Die Großstädte boten noch ein
funktionierendes jüdisches Wohlfahrtssystem. Andere waren in die Niederlande
geflohen. Neunundzwanzig waren bis zum Schluss in Hameln geblieben,
viele von ihnen ältere, oft allein stehende Frauen. Neunundzwanzig werden
von Hameln aus deportiert, die übrigen aus den verschiedensten Städten
des Deutschen Reiches und der Niederlande.
Berücksichtigt wurden jene Personen, die von den
Nationalsozialisten als Juden diskriminiert, verfolgt und ermordet wurden.
Darunter sind Menschen, die keine Mitglieder der Synagogengemeinde gewesen
sind und die außerhalb der jüdischen Gemeinschaft gelebt haben, Menschen,
die erst durch die nationalsozialistischen Rassegesetze zu Juden gemacht
worden sind.
Die Darstellung folgt der alphabetischen Reihenfolge.
Eine Ordnung nach Familien verbot sich, weil in mehreren Fällen die
Verwandtschaftsbeziehungen nicht mehr zu rekonstruieren sind. Jede Person
sollte eine eigene Darstellung erfahren. Es ist nicht versucht worden,
Wiederholungen, besonders in den Biographien von Verwandten, zu vermeiden.
Die Darstellung der Schicksale wurde auf ein Grundgerüst
reduziert. Der erste Absatz enthält die Daten zu Geburt, Familienstand
und die Wohnadressen; der zweite Absatz schildert Werdegang und berufliche
Tätigkeit, wobei die Lebensbeschreibungen der Frauen hier deutlich kürzer
ausfallen als die der Männer; der dritte Absatz das Schicksal der Verfolgung.
Nur bei neun Menschen wissen wir das Datum und den
Ort ihres Todes. Bei der Mehrzahl der Deportierten gibt die Nennung
des Namens auf einer Transportliste einen letzten Hinweis; Ortsnamen
wie Warschau, Riga, Auschwitz, Maly Trostinez sind die letzte Spur ihres
Lebens. Vierundzwanzigmal steht ein "verschollen" am Ende der Zeile.
Dann wissen wir nicht einmal vom Datum und Zielort der Deportation.
Über die näheren Umstände des Todes der Deportierten wissen wir in den
allermeisten Fällen nichts. Starben sie bereits auf dem Transport? Starben
sie an Krankheit und Hunger und Entkräftung im Ghetto oder Lager? Wurden
sie in der Gaskammer eines Vernichtungslagers ermordet, oder wurden
sie erschossen?
Berücksichtigt wurden auch Menschen, die sich angesichts
der Verfolgung das Leben nahmen, Menschen, die den Aufenthalt im Konzentrationslager
überlebten und Wochen später an den erlittenen gesundheitlichen Schäden
starben und schließlich die Menschen, die im Oktober 1938 als polnische
Juden an die polnisch-deutsche Grenze verschleppt wurden und seitdem
verschollen sind.
Das Ausmaß an Schrecken, das die Deportierten erleiden
mussten, führt an die Grenzen unseres Vorstellungsvermögens. Die wenigen
Zeilen, die das Gedenkbuch über jeden Ermordeten enthält, sind kaum
in der Lage, dies zu zeigen.
Die Namen der Opfer sind wegen der ausführlichen
Schilderung der Schicksale auf einer gesonderten Seite dargestellt:
Die Namen der
Opfer.

Politische und religiöse Zugehörigkeit
der Gemeinde
Hzt. Braunschweig-Lüneburg (Calenberg)
(1523-1692) / Kft. Hannover (1692-1807) /Kgr. Westphalen (bis 1813)
/ Kgr. Hannover (bis 1866) / Prov. Hannover (bis 1946); Landdrostei
/ Regierungsbezirk Hannover; amtsfreie, seit 1862 selbständige Stadt;
Landkreis Hameln (seit 1885); selbständiger Stadtkreis (seit 1923);
heute: Landkreis Hameln-Pyrmont
Synagogengemeinde im Landrabbinat Hannover.

Gesamteinwohnerzahl / darunter Juden
1689: 2.632 / ?; 1797: ? / 13 Familien;
1845: 6.404 / 86; 1853: ? / 76; 1864: 7.152 / 129; 1884: 10.924 / 131;
1895: 16.509 / 220; 1902: ? / 237; 1913: 22.061 / 210; 1916:? / 210;
1919: 23734 / ?; 1933: 27985 / 136; 1935: ? / 86; 1939: 31863 / 44

Quellen und Literatur
Davis, Natalie Zemon: Mit Gott rechten.
Glikl Bas Judah Leib. In dies.: Drei Frauenleben, Berlin 1996, S. 11-78
Eilitz, Peter: Leben und Werk des königl.
hannoverschen Baurats Edwin Oppler. In Hannoversche Geschichtsblätter
Neue Folge Band 25, Hannover 1971, S. 127-310
Gelderblom, Bernhard: Der jüdische
Friedhof in Hameln, Hameln 1988
ders.: Sie waren Bürger der Stadt.
Die Geschichte der jüdischen Einwohner Hamelns im Dritten Reich. Ein
Gedenkbuch, Hameln 1996
Herr, Johann Daniel Gottlieb: Collectanea
zur Geschichte der Stadt Hameln, 1765 (Reprint 1998)
Heutger, Nicolas: Jüdische Spuren in
Niedersachsen, Münster 1997
Magin, Christine: Zur Geschichte der
Juden im spätmittelalterlichen Hameln. In: Jahrbuch des Museumsverein
Hameln 1997, S. 14-38
Spanuth, Heinrich / Feige, Rudolf /
Seifert, Fritz: Geschichte der Stadt Hameln, Hameln 1983
Sprenger, F.: Geschichte der Stadt
Hameln, Hannover 1826 (Reprint Hannover 1979)
Urkundenbuch des Stiftes und der Stadt Hameln 1 (bis 1407) Hannover
1887; 2 (1408-1576) Hannover/Leipzig 1903
Wittkowsky, Johann: Zur Geschichte
der Juden in Hameln 1919-1943, Hameln 1990 (Beiträge zur Stadtgeschichte
1919-1949, Band 5)
Weitere Literatur in Gelderblom, Bernhard:
Sie waren Bürger der Stadt. Die Geschichte der jüdischen Einwohner Hamelns
im Dritten Reich. Ein Gedenkbuch, Hameln 1996.
Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover
Kreisarchiv Hameln-Pyrmont
Stadtarchiv Hameln

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