Die jüdische Gemeinde Aerzen
Angeschlossene Orte: Groß-Berkel, Reher und
Hemeringen
Aus der Geschichte der Orte
Aus der Geschichte der
jüdischen Gemeinde im 17., 18. und 19. Jahrhundert
Das 17. und 18. Jahrhundert
Die Aerzener Juden im 19. Jahrhundert
Die Juden von Groß Berkel im
19. Jahrhundert
Die Juden von Reher im 19. Jahrhundert
Die Bildung der Synagogengemeinde
(Schule, Synagoge und Friedhof)
Adolf und Wilhelm
Meyer und die Anfänge der Aerzener Maschinenfabrik
Kaiserreich und Weimarer Republik
Der Kibbuz Cheruth – ein
Ausbildungslager der zionistischen Jugend
Die NS-Zeit
Nach 1945
Die Namen der Opfer
Politische und religiöse Zugehörigkeit
der Gemeinde
Gesamteinwohnerzahl / darunter
Juden
Quellen und Literatur
Aus der Geschichte der Orte
Aerzen wird als Besitz der Grafen von Everstein 1283
erstmals erwähnt. 1468 ging Aerzen in den Besitz der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg
über. Nach der Hildesheimer Stiftsfehde (1523) fiel das Amt Aerzen an
das Fürstentum Calenberg. Spätestens seit dieser Zeit besaß Aerzen Fleckensrechte
und Marktberechtigung. Während des 19. Jhs. büßte der Ort seine zentrale
Funktion als Verwaltungsmittelpunkt ein. Landwirtschaft, Garnspinnerei
und Flachsweberei prägten die Wirtschaft des Ortes. Mit der Gründung
der Aerzener Maschinenfabrik (1864) begann ein industrieller Aufschwung.
Groß Berkel und Reher werden im 13. Jh. zum ersten Mal erwähnt. Beide
Orte sind reine Bauerndörfer.
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde im 17.,
18. und 19. Jahrhundert
Das 17. und 18. Jahrhundert
Die frühesten Nachrichten über Juden im Amt Aerzen
stammen aus der Calenberger Kopfsteuerliste des Jahres 1689, in der
Jakob Abraham mit seiner Familie in Groß Berkel und eine Witwe mit ihrem
Sohn in Aerzen verzeichnet sind. Bis 1775 stieg die Zahl der vergleiteten
Juden im Amt auf fünf (drei in Aerzen und zwei in Groß Berkel) und nahm
1799 mit insgesamt sieben jüdischen Familien nochmals zu. Die hannoversche
Regierung versuchte die Zunahme der Schutzjuden in Aerzen zu begrenzen.
1732 wurden z.B. zwei unvergleitete Juden aufgefordert, das Kgr. binnen
vier Wochen zu verlassen; ihnen gelang es jedoch, nachträglich Schutz
zu erhalten. Zwei weitere Schutzgesuche wurden hingegen 1763 abgelehnt.
Am Ende des 18. Jhs. hielten die Aerzener Juden ihren
Gottesdienst im Wohnhaus von Heine Meier (Herzberg) ab. 1790 wurden
die Juden aus Groß Berkel unter Strafandrohung gezwungen, am Gottesdienst
in Aerzen teilzunehmen.

Die Aerzener Juden im 19. Jahrhundert
Während des 19. Jhs. waren in Aerzen die Familien
Herzberg, Löwenstein, Gransfeld, Levi und Meyer ansässig. Die berufliche
Betätigung des Korbmachers und Musikanten Abraham Löwenstein stellte
eine Ausnahme dar, denn die Mehrheit der Aerzener Juden lebte vom Handel
und Schlachten. 1839 gab es in Aerzen sechs Schutzjuden, daneben wurden
aber auch unvergleitete Juden geduldet. 1824 waren allein sieben jüdische
Haushaltsvorstände ohne Schutz, nur einigen gelang eine spätere Schutzerteilung.
Bis auf die Familie Herzberg lebte die Mehrzahl der Aerzener Juden in
ärmlichen Verhältnissen.
Herz Heine (Herzberg) besaß Anfang des 19. Jhs. eine
Konzession zum Schlachten, Detail- und Ellenwarenhandel. Sein Sohn Heine
Herzberg nahm als Soldat an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil.
Anschließend baute er das Geschäft seines Vaters aus und betrieb in
Aerzen eine Lohgerberei sowie Lumpenfaktorei (zeitweise auch eine Gelbgießerei)
und besaß seit 1839 zwei Halbköterstellen. 1843 zahlte er neun Taler
Schutzgeld und verfügte über sechs Dienstboten. Sein Sohn Julius erwarb
in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. umfangreichen Hausbesitz in der Osterstraße
sowie Am Wall. Er gründete 1887 einen Kohle-, Getreide- und Futtermittelhandel.
Von seinen fünf Söhnen blieben die beiden ältesten, Hermann und William,
bis in die nationalsozialistische Zeit hinein in Aerzen ansässig.

Die Juden von Groß Berkel im 19. Jahrhundert
In Groß Berkel lebten während des 19. Jhs. die Familien
Frankenberg, Meyer und Frankenstein. Salomon Frankenstein, seit 1804
mit Schutz versehen, erhielt 1806 eine Konzession zum Ellenwaren- und
Hockenhandel und betrieb seit 1839 eine Lumpenfaktorei. Das 1816 erworbene
Haus verkaufte die Familie 1853 und verließ Groß Berkel, um nach Hameln
zu ziehen. Der Lumpenhändler Moses Frankenberg war zeitweise recht vermögend.
1855 hatte er einen jährlichen Geschäftsumsatz von 50 000 T. und besaß
mehrere Grundstücke, zu denen seit 1851 auch die Halbmeierstelle Nr.
13 gehörte. 1869 übte er mit seiner Wahl zum Steuerschätzer für die
Klasse der Voll- und Halbmeier Groß Berkels ein öffentliches Amt aus.
Wie in Aerzen war auch in Groß Berkel die Kommune daran interessiert,
die Anzahl der jüdischen Familien vor allem dann möglichst gering zu
halten, wenn es sich um wenig begüterte Personen handelte.
1827 wurde z.B. das Schutzgesuch von Abraham Meyer
abschlägig beschieden, obwohl sein Vater bereits im 18. Jh. als Schutzjude
in Groß Berkel gelebt hatte. Nach zahlreichen Bittgesuchen wurde ihm
1838 lediglich ein Wohnrecht und die Konzession zum Pferdehandel eingeräumt,
heiraten durfte er jedoch nicht. Ein weiteres Schutzgesuch scheiterte
1841. Erst 1854 gelang dem inzwischen 60jährigen die Gründung einer
eigenen Familie. Verzögert wurden 1855 und 1862 ebenfalls die Heiratsabsichten
von Salomon Frankenberg und Meyer Meyer.

Die Juden von Reher im 19. Jahrhundert
In Reher war über mehrere Generationen Familie Heinemann
ansässig. Joseph Heinemann ging dem Lederhandel und Schlachtergewerbe
nach. Sein Sohn Jacob war zunächst ebenfalls als Schlachter tätig. Er
kaufte das Haus Nr. 7, eröffnete dort einen kleinen Kramladen und betrieb
etwas landwirtschaftlichen Nebenerwerb. In Hemeringen lebten bis zum
Ende des 19. Jhs. die beiden im Handel und Schlachtereigewerbe tätigen
Familien Frankenstein und Weinberg.

Die Bildung der Synagogengemeinde (Schule, Synagoge
und Friedhof)
1843 wurde die Synagogengemeinde Aerzen unter Anschluss
von Groß Berkel, Reher und Hemeringen gebildet. Aerzen wurde zum Ort
der gottesdienstlichen Versammlung bestimmt. 1850 strebten die Hemeringer
Juden wegen der großen Entfernung nach Aerzen eine Loslösung an. Traditionell
orientierten sie sich an der zur Grafschaft Schaumburg gehörenden Gemeinde
Hessisch Oldendorf. Zu den Juden in Hessisch Oldendorf bestanden verwandtschaftliche
Kontakte, und die Kinder besuchten die dortige jüdische Elementarschule.
Eine Trennung von der Synagogengemeinde Aerzen wurde jedoch nicht bewilligt.
Die Vorsteher der Synagogengemeinde entstammten den
beiden wohlhabendsten Familien Aerzens und Groß Berkels. Heine Herzberg
aus Aerzen war der erste Gemeindevorsteher (1816–1845), ihm folgten
Moses Frankenberg aus Groß Berkel (bis 1879), Hermann Herzberg (bis
1909) und als letzter Vorsteher der Synagogengemeinde William Herzberg
(bis 1933) aus Aerzen.
Nachdem Julius Herzberg das Haus in der Osterstraße
Nr. 38 erworben hatte (ca. 1857), befand sich die von der Gemeinde angemietete
Synagoge im hinteren Anbau des Hauses. Dort wurde der Gottesdienst Mitte
der 80er Jahre nach "Altem Ritus" abgehalten.
In den 60er Jahren legten die Gemeindemitglieder eine Mikwe neu an,
diese befand sich 1875 laut Visitationsbericht des Landrabbiners in
einem intakten Zustand.
Zu Beginn des 19. Jhs. lebte der Lehrer Salomon Levi
(gest. 1820) in Aerzen. Ob er sämtliche jüdischen Kinder Aerzens, Groß
Berkels und Rehers unterrichtete, ist ungewiss. Erst für die Mitte des
19. Jhs. gibt es konkrete Informationen über die Schulverhältnisse.
1856 wurde in Aerzen eine jüdische Religionsschule gegründet. Bis auf
die Hemeringer Juden gehörten sämtliche Kinder der Synagogengemeinde
dem Schulverband an. Die Schule war im Synagogengebäude untergebracht.
Im Zeitraum 1864 bis 1879 besaß sie den Status einer Elementarschule,
an der David Erle als Lehrer eingestellt war. 1864 unterrichtete er
21 Kinder, 1868 waren es 23.
In der Synagogengemeinde gab es zwei Friedhöfe. Die
Hemeringer Juden bestatteten ihre Toten auf dem 250 qm großen Friedhof
am "Hugenkamp" in Hemeringen. Den Juden aus Aerzen, Groß Berkel und
Reher diente der 666 qm große jüdische Friedhof, gelegen an der "Kesselbreite"
als letzte Ruhestätte.

Adolf und Wilhelm Meyer und die Anfänge der
Aerzener Maschinenfabrik
1845 weitete der aus der bedeutenden jüdischen Bankiersfamilie
Meyer aus Hannover stammende Adolph Meyer seine geschäftlichen Aktivitäten
nach Hameln und Aerzen aus. Er kaufte die 1749 in Reher errichteten
Messinghütte und gründete auf dem Gelände eine Zementfabrik und eine
Maschinenfabrik, in der Dampflokomobile, Dreschmaschinen sowie Walzen
hergestellt wurden. Außerdem entstanden eine Zwirnfabrik, eine Weberei,
eine Bleicherei sowie eine Wollspinnerei. 1860 verlagerte er die expandierende
Landmaschinenfabrik nach Aerzen, 1864 waren 60 Arbeiter beschäftigt.
Der Besitz in Reher, nun Theresienthal genannt, wurde erweitert und
ganz auf Landwirtschaft umgestellt. Als Adolph Meyer 1866 starb, erhielt
sein Sohn Wilhelm den Besitz in Aerzen, während die Landwirtschaft in
Reher bald verkauft wurde. Wilhelm Meyer ließ 1866 für die Arbeiter
seiner Fabrik zwischen Aerzen und Reher einen öffentlichen Park (Edenhall)
errichten, er selbst zog sich auf seinen repräsentativen Alterswohnsitz
ins nahegelegene Selxen (Alteburg) zurück. Als er 1877 in wirtschaftliche
Schwierigkeiten geriet, verkaufte er den größten Teil seines Besitzes
und zog nach Hildesheim, wo er 1884 verstarb. Die Aerzener Maschinenfabrik
wurde durch Familienangehörige aus Hannover weitergeleitet. Sie ging
1907 als GmbH in nichtjüdischen Besitz über. Adolph Meyer und sein Sohn
Wilhelm trugen im entscheidenden Maße zum industriellen Aufbau der Region
bei. Zur Synagogengemeinde Aerzen besaßen beide nur eine geringe Bindung.
Adolf Meyer zahlte mit dem Hinweis auf seinen Hauptwohnsitz in Hannover
keinerlei Gemeindebeiträge, Wilhelm trug zwar zu den Armenlasten bei,
konvertierte jedoch 1873 zum Christentum.

Kaiserreich und Weimarer Republik
Während des Kaiserreichs waren drei Mitglieder der
Familie Herzberg im 1875 gegründeten Patriotischen Kriegerverein Aerzens
vertreten. Zu den im Ersten Weltkrieg Gefallenen gehörte der mit dem
EK II ausgezeichnete Rudolf Herzberg.
Ende des 19. Jhs. machte der Rückgang der jüdischen
Bevölkerung die Aufrechterhaltung der jüdischen Elementarschule unmöglich.
1903 gab es in der Synagogengemeinde nur noch sechs Schulkinder, die
die Ortsschule besuchten. Der Religionsunterricht wurde nach 1900 in
Hameln erteilt, ein Kind aus Reher besuchte den Unterricht in Pyrmont.
Der Vorsteher der Gemeinde William Herzberg wandte
sich 1912 gegen die vom Hamelner Lehrer Bachrach vorgeschlagene Auflösung
der Synagogengemeinde Aerzen. Herzberg wies darauf hin, dass sich die
Synagoge in einem ausgezeichneten Zustand befinde und ein Vorbeter und
Schächter vorhanden sei. Er selbst übte das Amt des Vorbeters aus. Das
Synagogengebäude gehörte seinem Bruder Hermann Herzberg. Als dieser
1927 verstarb, wurde das Gebäude 1929 verkauft und die Gemeinde nahm
an den Gottesdiensten in Hameln teil.

Der Kibbuz Cheruth – ein Ausbildungslager der zionistischen
Jugend
Der Kibbuz Cheruth war eine Gründung des jung-jüdischen
Wanderbundes und des seit 1925 mit ihm zusammengeschlossenen Brit Haolim.
Er vertrat einerseits das Prinzip der Selbstarbeit und suchte das Bündnis
mit den Arbeitern in Palästina und er wollte andererseits die Rückbesinnung
auf jüdische Kultur und Geschichte, wie sie im Ostjudentum gelebt wurde.
Der Brit Haolim hatte die Erziehung zum Kibbuz zum praktischen Ziel
und forderte, dass jeder fertig ausgebildete junge Zionist nach Palästina
auswandern müsse. Am 1. 11. 1926 gründete der Hamelner Zahnarzt Walter
Gradnauer zusammen mit Mosche Brachmann und Alfred an der Walde den
Kibbuz Cheruth, der in den Dörfern zwischen Hameln und Pyrmont angesiedelt
war. Er setzte sich bei den Bauern der Umgebung dafür ein, Juden als
Praktikanten aufzunehmen. Als überzeugter Zionist hielt er öffentliche
Vorträge über die Kibbuzbewegung und war für die gesamte Organisation
des Kibbuz Cheruth zuständig. Ende der 20er Jahre wanderte er nach Palästina
in den Kibbuz Givat Brenner aus.
Aerzens Melderegister verzeichnet insgesamt 76 An-
und Abmeldungen junger Kibbuzmitglieder. Fast die Hälfte der Mitglieder
kamen aus Osteuropa, die meisten deutschen Mitglieder aus Großstädten.
Tagsüber arbeiteten sie als Knechte und Mägde bei den Bauern der Umgebung,
abends, am Sabbat und an den Feiertagen versuchten sie, ein gemeinschaftliches
Leben zu führen und sich durch Sprachkurse und Vorträge auf ihr Leben
in Palästina vorzubereiten. Obwohl der Kibbuz nur bis 1930/31 bestand,
hatte er eine wichtige Funktion für die Vorbereitung der Auswanderung
nach Palästina. Ende 1928 gingen 34 Chawerim nach Rechowoth und von
da aus 1930 in den Kibbuz Givat Brenner. Im Frühjahr 1930 folgte die
zweite Auswanderung mit 90 Personen. Von den Mitgliedern der Synagogengemeinde
Aerzen wurden die zionistisch engagierten jungen Leute mit Skepsis betrachtet.
Zur ausführlichen Darstellung

Die NS-Zeit
Von den wenigen jüdischen Familien, die 1933 noch
in Aerzen, Reher und Hemeringen lebten, gelang nur einem Teil die Flucht
aus Deutschland. In Aerzen lebten nach 1933 der Schlachter Gustav Heinemann
mit seiner Frau Bella und seine Schwester Selma mit ihrem Kind. Sie
emigrierten 1936 in die USA. Die Firma "Julius Herzberg, Getreide, Sämereien,
Futterartikel, Düngemittel und Eisenwaren" wurde von Alfred Herzberg
geleitet. 1935 verließ er Aerzen gemeinsam mit seiner Familie und verzog
nach Köln-Lindenthal. Das traditionsreiche Familienunternehmen gilt
offiziell als am 28. 4. 1937 erloschen. Sara Meier verdiente ihren Lebensunterhalt
als Schneiderin und führte einen kleinen Mittagstisch. Sie besaß ein
Haus am Goldschlag 6, das sie 1935 ihren Familienangehörigen in Berlin
übertrug. 1939 kaufte ihr Nachbar das Haus weit unter Wert, woraufhin
sie zum Verlassen der Wohnung gezwungen wurde. Freunde versorgten sie
heimlich mit Lebensmitteln. 1941 kam Sara Meier aus gesundheitlichen
Gründen in das israelitische Krankenhaus Hannover, wo sie am 20. 12.
1941 verstarb.
Nähere Informationen zum Novemberpogrom sind für Aerzen
und Umgebung nicht bekannt. Zeitzeugen berichten, dass der jüdische
Friedhof in Aerzen mit mindestens 40 gut erhaltenen Grabsteinen versehen
gewesen sein soll. 1938 soll ein großer Teil der Steine zerstört oder
zum Haus- und Wegebau benutzt worden sein, wobei nicht sicher ist, ob
dies während des Novemberpogroms geschah. Auch der Hemeringer Friedhof
wurde 1938 geschändet.
In Reher lebte der Viehhändler Herbert Heinemann mit
seiner Familie. Versuche, sein Geschäft zu boykottieren, hatten nicht
den von der SA erhofften Erfolg. Obwohl die Häuser von Heinemanns Kunden
mit judenfeindlichen Sprüchen beschmiert wurden, kauften diese weiterhin
bei ihm, allerdings nicht aus Solidarität, sondern aus Eigennutz. Eine
Bäuerin schrieb dem Kreisbauernführer, dass die schlechte wirtschaftliche
Lage die Bauern zwingen würde, die preisgünstigen Angebote der jüdischen
Händler wahrzunehmen. Für Herbert Heinemann wurde die Aufrechterhaltung
seines Geschäfts immer schwieriger, so dass er Reher 1936/37 verließ.
In Hemeringen übernahmen Hugo und Herta Wildau 1924
das Textilgeschäft der Familie Katz. Es ist nicht bekannt, ob es während
des Novemberpogroms zu Ausschreitungen kam und wie der Verkauf ihres
Geschäfts sowie ihres Wohnhauses verlief. Beide mussten in das Hemeringer
Armenhaus umziehen. Seit 1940 wurde Hugo Wildau zur Zwangsarbeit in
einem hannoverschen Betrieb verpflichtet. Er wurde zusätzlich schikaniert,
indem er die Gosse der Hemeringer Hauptstrasse fegen musste. Am 23.
7. 1942 wurden Herta und Hugo Wildau über die Sammelstelle der Israelitischen
Gartenbauschule Ahlem nach Theresienstadt und von dort aus am 6. 10.
1944 nach Auschwitz deportiert.

Nach 1945
Der jüdische Friedhof in Aerzen ging 1952 auf den
JTC, 1960 in den Besitz des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden
von Niedersachsen über. Er wurde notdürftig wiederhergestellt und weist
heute sieben Steine auf. Auch der jüdische Friedhof in Hemeringen, den
der JTC 1953 übernommen hatte, befindet sich seit 1960 im Besitz des
LV. Von den noch vorhandenen sieben Steinen sind einige stark beschädigt.
Die Namen der Opfer
Aerzen
Käthe Bernstein, geb. Erle
wurde am 14. November
1872 in Aerzen als Tochter des Lehrers David Erle geboren. Sie emigrierte
in die Niederlande. Von dort wurde sie 1942 nach Auschwitz deportiert.
Als Datum ihres Todes gilt der 11. Dezember 1942.
Berta Erle, geb. Löwenstein
wurde am 4. März
1873 in Herford geboren. Sie war mit Gad Erle verheiratet. 1906 zogen
die Eheleute von Hameln nach Hannover. 1942 mussten sie ihre Wohnung
aufgeben und ins Judenhaus Ohestraße 8 u. 9 gehen. Von dort wurden sie
am 15. Dezember 1941 nach Riga deportiert und sind dort verschollen.
Gad (Gadiel) Erle
wurde am 2. Dezember 1869
in Aerzen als Sohn des Lehrers David Erle geboren. Er war mit Berta
Erle, geb. Löwenstein, verheiratet. 1906 zogen die Eheleute von Hameln
nach Hannover. 1942 mussten sie ihre Wohnung aufgeben und ins Judenhaus
Ohestraße 8 u. 9 gehen. Von dort wurden sie am 15. Dezember 1941 nach
Riga deportiert und sind dort verschollen.
Hans Erle
wurde am 15. November 1899 in Hameln
als Sohn des Lehrers David Erle geboren. Er wohnte später in Hannover,
Waldstraße 6. Am 9. November 1938 wurde er in "Schutzhaft" genommen.
Am 9. Dezember 1940 zog Hans Erle von Hannover nach Hamburg. Von dort
wurde er am 8. November 1941 nach Minsk deportiert und ist dort verschollen.
Ida Hanne, geb. Löwenstein
wurde am 28. Juli
1870 in Aerzen geboren. Sie wohnte später in Schmarrie bei Münder. Von
dort wurde sie am 20. Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert. Ihr
Schicksal ist nicht geklärt.
Dr. med. Heinrich Herzberg
wurde 4. Juni 1888
in Aerzen. 1919 zog er mit seiner Ehefrau Irma (geb. Linz aus Mannheim)
von Mannheim nach Hannover. 1942 musste er mit seiner Ehefrau in das
Judenhaus Ohestraße 8 u. 9 gehen. Die Eheleute wurden mit dem Transport
vom 15. Dezember 1941 nach Riga deportiert, wo sie im März 1942 umgekommen
sind.
Von den beiden Söhnen von Heinrich und Irma Herzberg
wurde der jüngere, Gerhard-Ulrich Herzberg (geb. 2. April 1927),
ebenfalls deportiert. Gerhard-Ulrich war im November 1938 mit einem
Kindertransport nach Amsterdam entkommen. 1943 wurde er aus den Niederlanden
nach Sobibor deportiert und dort ermordet.
Der ältere Sohn, Hans Rudolf Herzberg (geb. 19. Mai 1919), wurde
nach dem 9. November 1938 von Dortmund aus in das Konzentrationslager
Sachsenhausen verschleppt, wo er bis zum 17. Dezember 1938 bleiben musste.
Am 20. August 1941 gelang ihm per Schiff von Lissabon aus die Flucht
nach New York.
Anna Koopmann, geb. Erle
wurde am 30. Januar
1868 in Aerzen als Tochter des Lehrers David Erle geboren. Sie wurde
aus Hamburg am 15. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Am 21.
September 1942 wurde sie von Theresienstadt nach Minsk verschleppt
und ist dort verschollen.
Sofie Küchemann, geb. Löwenstein (geschiedene
Brandt)
wurde am 9. September 1858 in Aerzen geboren. Sie lebte in Hannover,
Hagenstraße 35. Am 23. Juli 1942 wurde sie aus Hannover nach Theresienstadt
deportiert und starb dort am 6. Dezember 1942.

Hemeringen
Herta Wildau, geb. Rose
wurde am 20. 9. 1889
in Buer geboren. Sie war die Ehefrau von Hugo Wildau. Die Eheleute lebten
in Hemeringen bei Hameln in der Dorfstraße 115. Herta Wildau wurde am
23. 7. 1942 im Alter von 52 Jahren mit ihrem Ehemann aus Hemeringen
über Hannover-Ahlem in das Altersghetto Theresienstadt deportiert. Von
dort wurde sie mit ihrem Ehemann am 6. 10. 1944 in das Vernichtungslager
Auschwitz verschleppt. Sie gilt als verschollen.
Hugo Wildau
wurde am 7. 8. 1886 in Schmechten
geboren. Er heiratete Herta Rose. Die Eheleute lebten in Hemeringen
bei Hameln, Dorfstraße 115. Seit 1940 fuhr Hugo Wildau täglich von Hemeringen
nach Hannover-Herrenhausen zur Zwangsarbeit. Hugo Wildau wurde am 23.
7. 1942 im Alter von 55 Jahren zusammen mit seiner Ehefrau von Hemeringen
über Hannover-Ahlem in das Altersghetto Theresienstadt deportiert. Von
dort wurde er am 6. 10. 1944 mit seiner Ehefrau in das Vernichtungslager
Auschwitz verschleppt. Er gilt als verschollen.

Politische und religiöse Zugehörigkeit
der Gemeinde
Fürstentum Calenberg bis 1692, Kurfürstentum
Hannover 1692-1810, Königreich Westfalen 1810-1813, Königreich Hannover
1815-1866, preußische Provinz Hannover 1866-1945; Landdrostei Hannover
1823-1885, Regierungsbezirk Hannover 1885-1945; Amt Aerzen bis 1823,
Amt Hameln 1823-1852, Amt Aerzen 1852-1859, Amt Hameln 1859-1885, Kreis
Hameln 1885-1922, Kreis Hameln-Pyrmont 1922-1945; heute: Regierungsbezirk
Hannover, Landkreis Hameln-Pyrmont.
Hemeringen: Grafschaft Schaumburg
bis 1640, von da ab Fürstentum Calenberg usw.; Amt Lachem bis 1823,
danach Amt Hameln.
Synagogengemeinde im Landrabbinat Hannover.

Gesamteinwohnerzahl / darunter Juden
Aerzen 1700: ? / 2 Schutzjuden,
1848: 1275 / ?, 1859: ? / 9 Fam., 1861: ? / 50, 1864: ? / 55, 1867:
1439 / ?, 1871: ? / 65, 1885: ? / 35, 1895: 1544 / 30, 1905: 1632 /
23, 1907: ? / 20, 1913: ? / 30, 1925: 1773 / 18, 1933: 1773 / 7
Groß Berkel: 1848: 1085, 1859: ?
/ 2 Fam., 1867: 1109 / ?, 1871: 1101 / 12, 1885: 1333 / ?, 1895: 1304
/ 8, 1905: 1559 / 3, 1913: ? / 2
Reher 1848: 689 / ?, 1871: 671 /
9, 1885: 675 / 7, 1895: 721 / 3, 1905: 658 / 7, 1913: ? / 8, 1910: 900
/ 8, 1925: 631 / 5 bzw. 6, 1933: 647 / 3
Hemeringen 1864: ? / 3 Fam., 1871:
833 / 15, 1875: ? / 2 Fam., 1885: ? / 6, 1895: 870 / 5, 1905: ? / 2,
1925: ? / 2

Quellen und Literatur
zu Aerzen
Heinz Georg Armgardt, Aerzen im Wandel
der Zeit, Bd. 1, 2. und 3, Horb 1997
K.-W. Knoke, Der jüdische Begräbnisplatz
und die jüdischen Familien in Hemeringen in den Jahren 1780 - 1871 (Manuskript),
Hannover 1992
Wilhelm Köster, Reher, ein Dorf und
seine Geschichte, Reher 1976
Helmut Schelp, Banker mit Hang zur
Blasmusik und Herz für Tiere, DEWEZET 3. 9. 1994
Hermann Schröter, Geschichte und Schicksal
der Essener Juden. Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt
Essen, Essen 1980
Irmgard Wyrwa, Groß Berkel. Ein Dorf
stellt sich vor. Aerzen 1993
zum Kibbuz Cheruth
Jutta Hetkamp, Die jüdische Jugendbewegung
in Deutschland von 1913 - 1933, Anpassung - Selbstbehauptung - Widerstand
Bd. 4, Münster 1994
Ulrich Linse, Kibbuz Cheruth, in Zurück,
o Mensch, zur Mutter Erde ... Landkommunen in Deutschland 1890 - 1933,
dtv-dokumente Nr. 2934, München 1983, S. 293 – 359
Hermann Meier-Cronemeyer, Jüdische
Jugendbewegung, 1. Teil, Germania Judaica, N.F. 27/28, 1969, 2. Teil,
Germania Judaica, N.F. 29/39, 1969
Jehuda Reinharz, Dokumente zur Geschichte
des deutschen Zionismus 1882 - 1933, Tübingen 1981
Kreisarchiv Hameln-Pyrmont
Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover

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