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Der jüdische Friedhof in Ottenstein

Friedhof Ottenstein, Übersicht (nach der Restaurierung)
Übersicht (nach der Restaurierung)
 
Synagogengemeinde im Landrabbinat Braunschweig
 
Lage und Größe:   am Ortsausgang Richtung Glesse; 970 qm
Bestand an Steinen:
 
  24 Steine (1855 bis 1938) aus einem größeren Bestand; leere Grabsockel, Teile von Grabsteinen
Daten zur Geschichte:   nach 1835 durch Levi J. Rothschild als Friedhof für die Ottensteiner Juden erworben
1911 Zukauf einer Reservefläche für den fast völlig belegten Friedhof durch Familie Rothschild
zu einem unbekannten Zeitpunkt zerstört
seit 1944 in der Verfügung des Finanzamtes Holzminden
notdürftige Herrichtung nach dem Kriege
1952 Rückerstattung; in der Folgezeit mehrfach zerstört
2000 durch LV und mit Unterstützung des Fleckens Ottenstein vorbildlich restauriert
zugleich Rückerstattung der 1911 angekauften Reservefläche
 

Friedhof Ottenstein, Grabstein des Kaufmanns Rothschild
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Grabstein des Kaufmanns Rothschild

An die jüdische Gemeinde erinnert heute nur noch der am Ortsrand liegende jüdische Friedhof. Verglichen mit den Friedhöfen der benachbarten jüdischen Gemeinden etwa in Polle, Hehlen und Kemnade handelt es sich um einen recht großen Friedhof, wie es auch der Größe der Ottensteiner jüdischen Gemeinde entspricht. Die ursprünglich 590 qm umfassende Fläche des Friedhofes war um 1930 nahezu voll belegt und wurde noch vor der NS-Zeit um eine "Reservefläche" von 380 qm erweitert. Zur Belegung der Reservefläche ist es wegen der Vernichtung der Gemeinde jedoch nicht mehr gekommen. Das Gelände des Friedhofes war stets im Besitz der Familie Rothschild gewesen.

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Zur Geschichte des Friedhofes

Ottenstein  Ottenstein
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Die älteste nachweisbare Bestattung datiert auf das Jahr 1855 (Stein Nr. 10 für Johanne Hodenberg, Bild links). Der letzte Stein -
für Ludwig Nußbaum - wurde 1939 gesetzt (Nr. 16).

Die letzte nachweisbare Bestattung für die am 17. Dezember 1940 verstorbene Mathilde Kornberg blieb ohne Stein. Über einen Zeitraum von gut 80 Jahren wurde also auf dem Ottensteiner Friedhof bestattet. Dass es einen Vorgängerfriedhof gegeben haben muss, ist angesichts des Alters der Gemeinde wahrscheinlich.

Der Friedhof liegt – wie es rituellem Brauch entspricht – in Ost-West-Ausrichtung. Die hebräische Seite der Steine blickt nach Osten, in die Richtung, aus der die Wiederkunft des Messias dereinst erwartet wird. Bestattet wird in Reihen, und zwar im Osten beginnend in zeitlicher Reihenfolge nach dem Datum des Todes. Oberstes Gebot in einem jüdischen Friedhof ist es, die Ruhe der Toten nicht zu stören. So werden Ehegatten gewöhnlich nicht nebeneinander bestattet, sondern an dem Platz, den ihnen das Datum ihres Todes zuweist. Erst seit dem späten 19. Jahrhundert übernahmen die jüdischen Gemeinden christliche Bestattungsbräuche. Nun finden wir auch Ehegattensteine, prächtige Grabsteine und Grabeinfassungen mit Blumenschmuck.

Ottenstein   Ottenstein Bild
Bild links: Der Friedhof nach seiner Wiederherstellung aus nord-östlicher Richtung. Im Vordergrund links ist die unbelegte "Reservefläche" zu
sehen. Bild rechts: Blick auf die restaurierten Steine aus östlicher Richtung

Heute weist der Friedhof 24 Grabsteine auf. Sie stehen nicht in zeitlicher Reihenfolge, sondern scheinen nach der Zerstörung des Friedhofes im Dritten Reich wenigstens teilweise willkürlich neu aufgestellt worden zu sein. Zahlreiche Steine müssen verloren gegangen sein, worauf die großen Lücken in den Reihen verweisen. Einige Steine zeigen Zerstörungsspuren. Es finden sich leere Grabsockel, Reste von Steinen etc. Die zerstörten jüdischen Friedhöfe wurden nach dem Kriege gewöhnlich auf Anordnung der Besatzungsbehörden notdürftig wiederhergerichtet wurde.

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Ottenstein
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Reste einer Grabstätte (Nr. 9, nach der Restaurierung)

Der Landwirt Friedrich Klenke will den Friedhof in den Jahren 1943/44 über die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (RVJD) kaufen. Die Verkaufsabsichten verlaufen im Sande, als die Verwaltung der Friedhöfe Anfang 1944 von der RVJD an die Reichsfinanzverwaltung und damit an die Finanzämter vor Ort abgegeben wird.

Am 12. Dezember 1952 wurde die Rückerstattung des Friedhofes angeordnet. Damit ging er aus dem Besitz des Deutschen Reiches zunächst in den Besitz der Jewish Trust Corporation for Germany (JTC) über. Diese übertrug dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden Niedersachsens Verwaltung, Pflege und schließlich auch den Besitz des zerstörten Friedhofes. Der Landesverband in Hannover ist heute für den Friedhof verantwortlich.

Bis ins Jahr 2000 lag der Friedhof weitgehend vernachlässigt, unbeachtet und erheblich beschädigt da. Inzwischen hat der Landesverband mit finanzieller und sächlicher Unterstützung des Fleckens Ottenstein und anderer Spender den Friedhof und seine Grabsteine vorbildlich restauriert. Dabei wurde auch die Reservefläche, die bisher nicht Teil des Friedhofes war und nach dem Krieg als Gartengelände verpachtet war, dem Friedhofsgelände zugeschlagen.

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Die Inschriften der Grabsteine

Im Folgenden wird eine Übersicht über einige Grabsteine des Ottensteiner Friedhofes gegeben. Die Übersetzung der Inschriften hat Prof. Berndt Schaller in Göttingen angefertigt. Die Aufnahme der hebräischen Inschriften erfolgte 1997 durch Studierende der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen im Rahmen eines von der Stiftung Niedersachsen geförderten Projekts "Jüdische Friedhöfe in Südniedersachsen". Die Fotos der Grabsteine stammen vom Verfasser und entstanden nach der Restaurierung im Jahre 2001.

In der Formensprache der Steine und dem verwendeten Material (Sandstein, Marmor, Kunststein) bietet der Ottensteiner Friedhof ein vielgestaltiges Bild, wie es für Dorffriedhöfe nicht üblich ist.
 

Ottenstein
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Lageplan des Friedhofes mit Nummerierung der Steine

 

OttensteinNr. 1

deutsche Inschrift

Hier ruht
Unsere Schwester
Elise Kornberg
16. 3. 1862 – 3. 6. 1936

hebräische Inschrift

Hier ruht
meine geliebte Schwester
Frau Elise Kornberg,
geboren Purim 5622
verstorben Siwan 5696

Elise Kornberg ist die Tochter von Isaak Kornberg. Sie wohnte im Haus Breite Straße 48. Ihre ältere Schwester Emilie, die ihr den Stein gewidmet hat, wurde nach Theresienstadt deportiert.

 

 

 
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Ottenstein - hebräischNr. 2

hebräische Inschrift

Hier ruht
Eine angesehene Frau, Scheinchen, die Tochter
des Schelomo, die Frau des Joseph Hornberg (Hodenberg).
Sie starb am heiligen Sabbat, den 18 Marcheschwan
und wurde begraben am Montag den 20. Marcheschwan 5627
TNZBH

Die Abkürzung TNZBH bildet die Schlussformel nahezu jeder hebräischen Grabinschrift und beinhaltet einen Segen. Sie lautet in Übersetzung: "Seine/ihre Seele möge eingebunden sein in das Bündel des Lebens."

 

 

 

  

  

Ottenstein - deutschdeutsche Inschrift

Hier ruht
Unsere liebe Mutter
Jeanette Hodenberg
geb. d. 23. May 1818
gest. d. 27. Oct. 1866

Joseph Hodenberg, der Ehemann von Jeanette Hodenberg, lebte von 1818 – 1866. Sein Grab auf dem Friedhof hat sich nicht erhalten.

 

 

 

  

 
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OttensteinNr. 3

deutsche Inschrift

Anschel Kornberg
geb. den ... November (?) 1810
gest. May 1875

hebräische Inschrift

Hier ruht
der Genosse Anschel, der Sohn des Elieser
Kornberg, geboren am 12. Adar
5570 (= 17. 2. 1810). Er ging in seine Welt am Montag, dem Anfang des Monats Ijjar
5635 (= 6. 5. 1875) und wurde begraben am Mittwoch. Im Garten Eden sei
seine Ruhe
TNZBH

 

  

 
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Ottenstein

Nr. 7

deutsche Inschrift

Hier ruht in Gott
mein lieber Mann,
unser geliebter Vater und Großvater
Siegmund
Rothschild
geb. den 23. Febr. 1827
gest. den 16. Novem. 1900

hebräische Inschrift

Hier ruht
Herr Schimon
Sohn des Jechiel
Rothschild.
Er starb am 24.
Marcheschwan
5661.
(Als) Krone und Zierde (der Seinen), (in gesegnetem) Alter
auf gerechtem Weg wurde er erfunden.
TNZBH

Siegmund Rothschild ist Inhaber des Manufakturwarengeschäfts Breite Straße 8. Der Wohlstand der Familie spiegelt sich in einer Formensprache des Steines, einer hohen Grabstele aus schwarzem Marmor.

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Ottenstein - hebräischNr. 10

hebräische Inschrift

Hier ruht
... zum Staub
... und deine Seele zur Quelle
(in) der Höhe geht. Liege (in) Frieden
und bereite deinen Schlaf. So schlafe
Channa, Tochter des Mosche. Sie starb
am 7. Tag des Passafestes
5615
TNZBH

 

 

Ottenstein - detuschdeutsche Inschrift

Hier ruht in Gott
Johanne Hodenberg
Geb. den 19ten Juni 1813
Gest. den 9ten April 1855
Friede ihrer Asche 

Dies ist der älteste Grabstein auf dem Friedhof Ottenstein.

Johanne Hodenberg ist eine unverheiratete Tochter von Mosche Hodenberg und Schwester von Aaron Hodenberg (Stein Nr. 23)

 

 

 

 

 

  

 
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OttensteinNr. 15

Deutsche Inschrift

Julius Kornberg
geb. 24. 8. 1864
gest. 20. 1. 1937

Es handelt sich um einen Ehegattenstein. Julius Kornberg ist Sohn von Jacob und Karoline Kornberg (Stein 11 und 12). Er wohnte Kirchstraße 28. Das Feld der Ehefrau auf dem Grabstein ist leer. Rosa Kornberg, die Ehefrau von Julius Kornberg, wurde aus Ottenstein nach Theresienstadt deportiert.

  

 
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OttensteinNr. 16

Deutsche Inschrift

Hier ruht
Mein lieber Mann
Ludwig Nussbaum
geb. 29. 7. 1888
gest. 23. 6. 1939

Es handelt sich bei diesem Stein um den letzten Grabstein, der in Ottenstein gesetzt wurde.

Ludwig Nußbaum aus Zeitlofs hatte Else Kornberg, die Tochter des Viehhändlers Louis Kornberg, geheiratet. Die Eheleute wohnten im Haus Marktplatz 11. Ludwig Nussbaum hat sich nach der Rückkehr aus dem Konzentrationslager Buchenwald Ludwig Nußbaum erhängt. Seine Ehefrau Else wurde in das Ghetto Warschau deportiert und ist dort verschollen.

 

 

  

 
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Ottenstein - hebräischNr. 20

hebräische Inschrift

Hier ruht
ein redlicher und aufrechter Mann,
Aharon, der Sohn des Herrn Schlomo
Meir
Ha-Kohen. Er wurde geboren am 22. Siwan 5613
und starb mit gutem Namen
am 23. Ellul 5669
TNZBH

 

 

 

 

 

  

Ottenstein - deutschdeutsche Inschrift

Hier ruht in Gott
mein lieber
Mann, mein guter Vater
Albert Meyer
Geb. 28. Juni 1853
Gest. 8. Sept. 1909

Albert Meyer, der als Angestellter im Textilgeschäft Hodenberg gearbeitet hat, war mit der aus Ottenstein stammenden Ella Meier, geb. Eichenberg, verheiratet. Seine Frau Ella Meyer wurde nach Theresienstadt deportiert, seine Tochter Carola in das Ghetto Warschau.

 

 

  

Zu weiteren Einzelheiten vergleiche Bernhard Gelderblom, Jüdisches Leben im mittleren Weserraum, Holzminden 2003

 
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© Bernhard Gelderblom Hameln