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Der jüdische Friedhof in Hehlen
Die wichtigste Erinnerung an die jüdischen Einwohner Hehlens birgt der Friedhof. Er liegt in nördlicher Richtung, recht weit vom alten Ortskern entfernt, versteckt auf einem kleinen Plateau im Steilhang der Weser. Das Gelände ist nicht ganz einfach zu finden; dem kundigen Blick fällt von weitem der hohe Baumbestand auf. Es gibt heute zwei Zugänge zum Friedhof. Der eine führt von den Weserwiesen, also von unten, über eine sehr enge, steile und schiefe Steintreppe, die immer mehr zuwächst, den Steilhang hinauf. Der Zugang von oben ist ebenfalls möglich. Er nötigt zur Benutzung der viel befahrenen Bundesstraße und zur Überquerung der heute nicht mehr befahrenen Eisenbahngeleise. Die Wahl des Ortes weitab vom Ortskern mag überraschen und als Diskriminierung wirken. Tatsächlich liegt der Friedhof an der Stelle, wo der Weserhang in einen Steilhang übergeht und deswegen nicht mehr gärtnerisch genutzt werden kann. Damals wurde auf den Dörfern jedes Fleckchen Land genutzt und für die häufig erst um 1800 angelegten Friedhöfe stand kein anderer Raum zur Verfügung. Der älteste Stein auf dem Friedhof stammt aus dem Jahre 1828 (Stein A 3). Die letzte Bestattung fand im Jahre 1907 statt (Stein F 3). Der Belegungszeitraum des Hehlener Friedhofes ist damit verhältnismäßig gering. Wir haben aber oben gehört, dass für Hehlen bereits sehr früh, nämlich im Jahre 1740, von einem Begräbnisplatz "an der Gemeinde-Weide" die Rede ist. Es ist nicht auszuschließen, dass dieser Platz mit dem heutigen Friedhof identisch ist, aber das muss Vermutung bleiben.
Weil es sich um einen der wenigen Friedhöfe handelt, die noch einen umfangreichen Bestand an Steinen aufweisen, und weil es ein sehr schöner Friedhof ist, soll er etwas ausführlicher vorgestellt werden. Der heutige Zustand des Friedhofes Nach dem Kriege wurden die Steine des Friedhofes wieder aufgestellt. Die Mühe, zerbrochene Steine wieder zusammen zu fügen, hat man sich freilich nicht gemacht. Heute weist der Friedhof 21 Steine auf. Weil ein Belegungsplan nicht existiert, ist der ursprüngliche Bestand an Steinen nicht mehr zu rekonstruieren, so dass ungewiss bleibt, ob und wie viele Steine verloren gegangen sind. Nach einem Bericht des Gendarmen von Kemnade war der Hehlener Friedhof vor seiner Zerstörung "bis auf zwei Personen vollständig belegt".
In seinem jetzigen Zustand bietet der Friedhof ein sehr romantisches Bild. Schaut man jedoch genauer hin, so wird man gewahr, dass mehrere Grabsteine starke Zerstörungsspuren aufweisen. Sie sind offensichtlich beim gewaltsamen Umstürzen zerbrochen worden. In solchen Fällen hat man einfach das Oberteil neben dem Unterteil in die Erde gesteckt.
Wieweit die Rekonstruktion den ursprünglichen Zustand getreu wieder hergestellt hat, ist nicht zu sagen. Ein jüdischer Friedhof wird in der Regel von Osten her belegt. Die Inschrift der Steine schaut nach Osten, dorthin, woher die Juden die Wiederkunft des Messias erwarten. Die Gräber sind so angeordnet, dass die Toten mit den Füßen nach Osten liegen und der Grabstein steht am Kopfende. So ist es auch auf dem Hehlener Friedhof. Die ältesten Steine stehen im östlichen Bereich des kleinen Grundstückes.
Die Stellung der übrigen Steine folgt im Ganzen der zeitlichen Reihenfolge. Insofern ist der ursprüngliche Standort der Steine vermutlich gewahrt. Von der Vorschrift, dass die Seite mit der hebräischen Inschrift nach Osten zu schauen hat, gibt es allerdings zahlreiche Abweichungen, die auf eine unsachgemäße Rekonstruktion hindeuten. Das Grundstück ist mit 198 qm recht klein. Es ist von einer hüfthohen Bruchsteinmauer umfriedet, die heute von Efeu umrankt ist. Gegen den Weserabhang ist das Gelände sehr sorgfältig mit einer Stützmauer aus Bruchsteinen gesichert Nach oben zur Bahnlinie hin befindet sich ebenfalls eine starke Stützmauer, deren Bau wahrscheinlich im Zuge des Baues der Bahnlinie (um 1900) erforderlich wurde. Ob das Grundstück durch den Bau der Emmerthal-Vorwohler Eisenbahn verkleinert worden ist, bleibt nur zu fragen.
Exkurs: Zur religiösen Eigenart eines jüdischen Friedhofes und zu den Inschriften Nach jüdischem Verständnis gilt die Ruhe der Toten auf ewig. Gräber dürfen nicht aufgehoben oder beseitigt werden. Die Gebeine der Toten sollen ungestört an ihrem Orte liegen bis zur fleischlichen Auferstehung am Tage der Wiederkunft des Messias. Das drückt sich im Namen aus. Der jüdische Friedhof wird im Hebräischen Bet Olam (=Haus der Ewigkeit) oder Bet ha-Chaim (=Haus des Lebens) genannt. Ein Friedhof ist ein heiliger Ort. Ein männlicher Jude wird wie beim Betreten einer Synagoge auf dem Friedhof seinen Kopf mit einer Kappe bedecken. Als Ort der Toten ist der Friedhof zugleich ein unreiner Ort. Deswegen wird ein Jude einen Friedhof nicht am Sabbath besuchen. Es ist der letzte Dienst, den wir den in der nationalsozialistischen Zeit vertriebenen Juden erweisen können, dass wir den Ewigkeitsanspruch der Friedhöfe respektieren. Die Beerdigung erfolgt, wenn möglich, am Tage nach dem Tod. Der Stein wird am ersten Jahrestag der Beerdigung gesetzt. Die hebräischen Inschriften auf den Grabsteinen folgen einem festen Schema. Dieses besteht aus Begräbnisformel Hier ruht ... oder Hier liegt begraben ... Eulogie (Lob des bzw. der Verstorbenen) das Lob bezieht sich allein auf den religiösen Bereich Name Sohn des bzw. Tochter des ... Gattin des ... Sterbe- und Begräbnistag, -monat und –jahr Die Zahlenwerte werden in Buchstaben angegeben ... Schlussformel "Seine Seele möge eingebunden sein in das Bündel des Lebens" (=angelehnt an 1. Sam. 25,29) Das Datum wird im hebräischen Text nach dem jüdischen Kalender geschrieben. Das ist ein Mondkalender, der um etwa elf Tage kürzer ist als das Sonnenjahr. Aus diesem Grunde wird in einem bestimmten Rhythmus ein Schaltmonat eingefügt, der zweite Adar. Da es im Hebräischen keine Zahlzeichen gibt, werden Buchstaben dafür geschrieben. Die jüdische Jahreszählung bezieht sich auf die Erschaffung der Welt, die auf das Jahr 3760 vor der christlichen Zeitrechnung datiert wird. Bei der Jahresangabe fehlen häufig die Tausender. Das christliche Jahr lässt sich berechnen, indem man die Summe von 1240 der hebräischen Jahreszahl (ohne die Tausender) hinzuaddiert. Die Übersetzung der Inschriften ist deswegen schwierig, weil sehr häufig Abkürzungen zur Verwendung kommen. Die Sprache der Steine war zunächst rein Hebräisch. Deutschsprachige Inschriften treten erst ab ca. 1830 auf den Grabsteinen auf, zunächst nur sehr knapp auf der Rückseite, später auch auf der Vorderseite unter der hebräischen Inschrift. Dabei muss der deutsche Text mit dem hebräischen nichts zu tun haben. Seit ca. 1900 können sie die hebräischsprachigen Inschriften ganz verdrängen. Die deutschen Namen stimmen meist nicht mit den hebräischen überein. Im Hebräischen wird nur der Vorname des Toten sowie der Vorname des Vaters geschrieben. Im Deutschen wird der Vorname häufig verdeutscht, wobei der Name irgendeine Beziehung zum hebräischen Vornamen hat. So wird Sara zu Sophie, Bela zu Betti oder Pauline und Chava zu Eva. Hinzu tritt im Deutschen seit der französischen Zeit ein fester Familienname. Die männlichen Vornamen stammen größten Teils aus der Thora (Joseph, Abraham). Weibliche Vornamen sind häufig jiddischen Ursprungs (Jette, Gittel, Vögele, Glückel). Von der Gestaltung her unterscheiden sich jüdische Grabsteine darin von christlichen, dass sie ganz wesentlich von der Schrift beherrscht sind. Die Inschrift nimmt den größten Teil der Oberfläche ein, sie ist das beherrschende Element. Die Verwendung von Symbolen ist selten. Die klassischen religiösen Symbole sind die zum Segensgruß erhobenen Priesterhände der Kohanim (Priester) sowie die Kanne der Leviim. Die Kohanim (Priester) waren im Jerusalemer Tempel für die Darbringung der Opfer zuständig. Die Leviten waren die Hilfspriester, die mittels des Wassers kultische Reinheit herstellten. Beide Symbole treten natürlich nur bei den männlichen Vertretern auf den Grabsteinen auf. In Hehlen treffen wir beide Symbole mehrmals an (die Priesterhände z.B. Nr. B 1 und E 2; die Levitenkanne z.B. Nr. A 1 und B 2).
Daneben gibt es eine Reihe weiterer Symbole (z.B. der Blütenkranz, der geknickte Baum usw.), wie sie im Musterbuch des christlichen Steinmetzen zu finden waren und auch im christlichen Bereich verbreitet sind. Inschriften und Fotos einiger Grabsteine Die Übersetzung der hebräischen Inschriften der Steine hat Prof. Berndt Schaller in Göttingen angefertigt. Die Aufnahme der Inschriften erfolgte 1997 durch Studierende der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen im Rahmen eines von der Stiftung Niedersachsen geförderten Projekts "Jüdische Friedhöfe in Südniedersachsen".
Hier ist begraben Als
Symbol befindet sich im Giebel die Levitenkanne mit zwei
Blütenstrahlen als Schmuckelement.
Hier ruht Als Schmuckelement befindet sich im Giebelfeld ein Blütenkranz aus
Strahlen mit acht Strahlenblättern.
Hier ruht Deutsche Inschrift den 12ten Merz 1835 Als Schmuckelement
befindet sich im Giebelfeld ein in einen Kreis eingeschriebener
Hier ruht Als Symbol finden sich im Giebelfeld
die Priesterhände.
Wir haben dich zihen lassen Als Symbol befindet sich im Giebelfeld
die Levitenkanne.
Zu weiteren Einzelheiten vergleiche Bernhard Gelderblom, Jüdisches Leben im mittleren Weserraum, Holzminden 2003 |
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