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Interviews mit Bernhard Gelderblom

  

Das Gestern verstehen für eine bessere Zukunft
Sich in Leiderfahrungen anderer hineinversetzen können

Gemeindebrief der ev.-luth. Kirchengemeinde "Zum heiligen Kreuz" Hameln, Ausgabe 4, 2009, S. 4-8
 

Im Rattenfänger-Jubiläumsjahr spielt ja immer wieder auch die Stadtgeschichte eine Rolle. Deshalb sprachen am 13.08. Pastor Lange-Kabitz und Heike Steuber-Weißensteiner mit dem Historiker und Lehrer Bernhard Gelderblom, der seit 1980 hier im Entengang wohnt.

 

Herr Gelderblom, wo sind Sie aufgewachsen und wie entstand bei Ihnen der Wunsch, Geschichte, Theologie und Politik zu studieren und Lehrer zu werden?

Bernd GelderblonGelderblom: Ich bin geboren in Schwetz an der Weichsel in Westpreußen. In diesem Gebiet, das bis 1939 polnisch war, war mein Vater als deutscher Beamter tätig, um das Land sozusagen zu "germanisieren". Mein Vater war von den Zielen und Idealen der Nationalsozialisten überzeugt. Nach dem Krieg herrschte bei uns zu Hause Schweigen über diese Zeit. Auch in dem Gymnasium, das ich als Schüler besuchte, war das III. Reich kein Thema. Erst der Film "Nacht und Nebel", den ich als Jugendlicher in einer anderen Schule sehen konnte, öffnete mir für diese Zeit die Augen und ich begann, nachzufragen.

Ich bin 1943 geboren und empfinde mich als Kriegskind. Obwohl ich mich an die Kriegszeit nicht bewusst erinnere, hat mich doch die elementare Erschütterung dieser Zeit und die Verunsicherung in der Nachkriegszeit geprägt. Ich empfinde Krieg als größtes Übel, als Zeit der totalen Gesetzlosigkeit. "Auschwitz darf nie wieder möglich sein" ist für mich zum Lebensmotto geworden.

Bernd GelderblomNach dem Krieg haben wir in Minden und Herford gelebt. Studiert habe ich in Münster, Wien, Bonn und Göttingen. Statt einer wissenschaftlichen Laufbahn habe ich mich ganz bewusst für das Lehramt entschieden und war froh, 1974 hier in Hameln am Albert-Einstein-Gymnasium eine Stelle zu bekommen. Dort konnte ich bis 2006 bleiben und bin dankbar, dass ich in all den Jahren vieles mitgestalten konnte. Ich war immer gerne Lehrer und habe versucht, Schüler über den "Kunstraum" Schule hinaus zu führen. Dadurch entstanden eine Reihe von Schülerprojekten im sozialen, politischen und religiösen Umfeld wie Arbeit mit Jugendlichen in der Jugendanstalt/Tündern oder zur Situation von Behinderten.

Die Schüler haben mich letztlich auch dazu gebracht, Geschichte nicht im Elfenbeinturm zu betreiben, sondern dem historischen Geschehen auf lokaler Ebene nachzuspüren. So ist mir diese "Heimatkunde des III. Reiches" in den Jahren nach und nach "zugewachsen". Es begann mit der Erschließung des jüdischen Friedhofes in Hameln und der Umgestaltung der Gedenkstätte an der Bürenstraße. Arbeiten zur Geschichte des Hamelner Zuchthauses bis hin zu der Ausstellung über den Bückeberg schlossen sich an.
 

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Als Historiker studieren Sie nicht nur alte Urkunden. Sie sind ein Mensch, der sich in der Gegenwart engagiert. Wie kommt das?

Gelderblom: Grundlage aller Projekte ist natürlich erst einmal gründliche Recherche auch in Archiven. Das ist oft mühsam und langwierig, aber absolut notwendig. Darüber hinaus sind mir Interviews mit Zeitzeugen wichtig geworden. Ich möchte den Namen in alten Dokumenten ein konkretes Gesicht geben.

Im Gegensatz zu Städten haben Dörfer so etwas wie ein kollektives Gedächtnis. Wenn es gelingt, Ergebnisse von Akteneinsicht oder Zeitzeugenbefragungen bei einem Vortrags- und Gesprächsabend den Menschen vor Ort "zurück zu geben", dann ist dies eine große Erfüllung für mich. Ich bin gespannt, wie diesen Herbst die verabredeten drei Abende im Flecken Salzhemmendorf gelingen werden. Die Konfrontation mit der Geschichte eines Dorfes oder einer Stadt kann Erinnerungsarbeit und Trauerarbeit in Gang setzen und Menschen helfen, Erlebtes zu verarbeiten. Das ist mein Anliegen.

Nicht nur in diesen Begegnungen  spüre ich, dass die Ereignisse des III. Reiches bis in unsere Zeit hinein wirksam sind. Mir sind immer die Menschen wichtig. So ging mein Interesse von den jüdischen Opfern über zu anderen "Opfergruppen", wie den Zwangsarbeitern und den Häftlingen des Zuchthauses. Nach vielen vertrauensbildenden Gesprächen, zu denen ich nach Osteuropa gereist bin, kam es in den Jahren 2005 und 2006 zu den Besuchen polnischer und ukrainischer Zwangsarbeiter/innen hier in Hameln.
 

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Was war die schönste, was war die schwierigste Begegnung in diesen Projekten?

Gelderblom: Zwei Begegnungen aus dem letzten Jahr fallen mir dazu ein. Die erste: Der Sohn eines Zuchthausinsassen, der das Grab seines Vaters suchte. Der Vater, belgischer Sozialdemokrat, saß als politischer Häftling im Hamelner Zuchthaus ein und starb im April 1945 auf dem elftägigen Todesmarsch von Hameln bis in die Nähe von Rostock. Wir konnten nach langer Recherchearbeit das Grab dieses Mannes in Bad Liebenwerda (zwischen Leipzig und Berlin) finden. Ich fuhr mit dem Sohn dorthin und begleitete ihn zu dem Gedenkstein, den der Ort aufgrund der Recherchen hatte aufstellen lassen. Er sagte hinterher: "Heute habe ich meinen Vater begraben" und konnte Frieden finden. Das hat mich sehr berührt.

Schwer gefallen ist mir die Begleitung einer Frau, deren Vater hier im Hamelner Zuchthaus 1946 von den Briten als Kriegsverbrecher gehängt wurde. In der Familie der Frau wurden nur Legenden über den Vater erzählt, die die Tochter aber nicht zufrieden stellten. Ich konnte herausfinden, dass ihr Vater in Auschwitz und anderen KZs an den schlimmen Geschehnissen dort aktiv und führend beteiligt war. Ich habe mit ihr in Hameln die Orte aufgesucht, an denen Spuren ihres Vaters zu finden sind. Für sie war es unendlich schwer, die wahre Geschichte ihres Vaters zu akzeptieren. Sie muss damit nun leben. Ihre Bereitschaft dazu hat mich sehr beeindruckt. So werden die Kinder der Täter zu Opfern; auch sie haben ein Recht auf Trauer.
 

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Wenn wir uns mit Geschichte beschäftigen, geht es ja nie ausschließlich bloß um Kenntnis der Daten und Fakten der Vergangenheit? Wozu sollen Menschen heute sich mit früheren Zeiten befassen?

Gelderblom: In den Jahren nach dem Krieg waren die Menschen zu sehr mit ihrer aktuellen Situation beschäftigt, es war keine Zeit, um die Wunden des III. Reiches aufzuarbeiten und sich damit auseinander zu setzen. Mir geht es darum, diese Wunden zu heilen. Dieses können wir nur, wenn wir uns der historischen Wahrheit stellen und nicht nur mit den Opfern, sondern auch mit den Tätern auseinandersetzen. Wir können aus der Beschäftigung mit früheren Zeiten lernen, wie Entwicklungen begonnen haben, als es noch möglich war, das Unheil aufzuhalten. In diesem Sinne plane ich ein neues Projekt: Informationstafeln an Hamelner Kriegerdenkmälern. Mir ist es wichtig, die alten Denkmäler in einen historischen Kontext zu stellen, sie begreifbar zu machen, jedoch ohne frühere Generationen moralisch abzuqualifizieren. Mit diesem und anderen Projekten möchte ich der Stadt historische Tiefe geben.
 

Bernd Gelderblom
 

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Im Rattenfänger-Jubiläumsjahr finden wir es wichtig, als Gesellschaft, als Kirche den "Rattenfängern" unserer Zeit auf die Spur zu kommen und Kinder in ihrer Persönlichkeit zu stärken. Welche Aufgabe haben die Schulen, die Kirche, die Bürgerschaft?

Gelderblom: Sich in die Leiderfahrungen anderer hineinversetzen zu können, Fähigkeit zum Mitgefühl entwickeln zu können, halte ich persönlich für eines der wichtigsten Erziehungsziele. Das können historische oder aktuelle Leiderfahrungen sein. Dabei geht es um Arbeit mit Opfern, mit Tätern, aber auch mit den Menschen, die im III. Reich nur "Zuschauer" waren. Auch die evangelische Kirche in Deutschland hat Leid zugelassen. Die Reichspogromnacht am 9. November 1938 war z.B. den Kirchenvorstandsprotokollen des Hamelner Münster keine Erwähnung wert.

Zum Thema "Rattenfänger": Am "Bückeberg" kann man hervorragend zeigen, wie die Menschen damals den "Rattenfängern des NS-Reiches" auf den Leim gingen. Diese Veranstaltung hatte religiöse Dimensionen, man "pilgerte" dorthin, es erschien der "Heilsbringer". Hier kann man deutlich machen, wie die Einstimmung auf Krieg und Hass gegen Minderheiten funktionierte. Die Ausstellung zum "Bückeberg" ist in den vergangenen 10 Jahren an vielen Orten gezeigt worden. Sie war u.a. am Obersalzberg und wird in Nürnberg zu sehen sein.  
 

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Das Verhältnis von Juden und Christen beschreibt der Apostel Paulus mit dem Satz "Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich". Hilft solch ein Satz im heutigen Dialog von Juden, Christen und Muslimen?

Gelderblom: Die Kirche hat diesen Satz allzu oft in ihrer Geschichte vergessen. Ohne den Jahrtausende alten Antijudaismus wäre Auschwitz nicht möglich gewesen. Ich empfinde es so, dass wir Christen in Auschwitz Jesus umgebracht haben. Deshalb ist die Erinnerung an unsere gemeinsamen Wurzeln so wichtig. Christen und Muslime müssen akzeptieren, dass sie jüdische Wurzeln haben.
 

Wenn Sie nicht als Historiker arbeiten, womit befassen Sie sich sonst?

 
Bernd Gelderblom
 

Gelderblom: Ich liebe Reisen in einer Form, wo man Menschen und Natur nahe kommt. Deswegen fahren meine Frau und ich im Urlaub gern Fahrrad und sind seit der Grenzöffnung häufig in Osteuropa unterwegs. Mich fasziniert auch die Wüste und ich wandere gerne. Ein wenig fehlt mir der Umgang mit Schülern. Deswegen arbeite ich in einem Projekt bei "Impuls", in dem Jugendliche wichtige Hamelner Häuser, die es heute nicht mehr gibt, als Modell wieder erstehen lassen. Mit dem alten Rathaus steht ein erstes Modell auf dem Pferdemarkt.
 

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Was würden Sie der Kreuzkirche in Stammbuch schreiben?

Gelderblom: Kirche muss "Hefe" sein, Prozesse in Gang bringen, die bürgerschaftliches Engagement stärken, durchaus auch einmal falschen Frieden stören. Hier im Klütviertel sehe ich den Generationenumbruch als zentrales Thema. Auch unser heutiges Thema sollte Inhalt kirchlicher Arbeit sein. Ich wünsche mir eine Kirche als Forum für bürgerschaftliche Themen unter dem Motto "Suchet der Stadt Bestes".

  

Für seine Arbeit ist Bernhard Gelderblom 2008 mit Bundesverdienstkreuz am Bande und 2009 mit dem Obermayer German Jewish History Award geehrt worden. Wir danken ihm für dieses intensive Gespräch und wünschen ihm Gottes Segen für seine weitere Arbeit.
 

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Das folgende Interview wurde am 18. 10. 2000 von Schülerinnen und Schülern des Viktoria-Luise-Gymnasiums geführt.
Die Klasse 10Fc (Schuljahr 2000/2001) hatte sich damals im Rahmen des Projekts "Zeitung in der Schule" der Frankfurter Rundschau mit dem Thema "Hameln in der NS-Zeit" befasst.

 

ZiSch: Was machen Sie beruflich und wie alt sind Sie?

Gelderblom: Ich bin Lehrer am Albert-Einstein-Gymnasium und bin 57 Jahre alt.
 

ZiSch: In welchen Themenbereichen forschen Sie?

Gelderblom: Ich erforsche im wesentlichen den Bereich des Nationalsozialismus in Hameln und Umgebung.

ZiSch: Wie sind Sie dazu gekommen, derartige Untersuchungen durchzuführen?

Gelderblom: Das ist teilweise erfolgt aufgrund meiner Tätigkeit als Lehrer. Ich wollte immer den Schülern erklären, was hier in Hameln passiert ist. Nationalsozialismus gab es nicht nur in Berlin und er fiel auch nicht einfach so vom Himmel, sondern auch hier gab es Täter und Opfer und das, denke ich, ist ein ganz wesentlicher Punkt. Mindestens genau so wichtig ist, dass Hameln eine Stadt ist, die in besonderer Weise die Erinnerung an den Nationalsozialismus verdrängt. Deswegen ist diese Arbeit hier besonders wichtig.

ZiSch: Weshalb verdrängt die Stadt Hameln diese Erinnerungen besonders?

Gelderblom: Ich habe Schwierigkeiten, dem auf den Grund zu kommen. Die Menschen hier lieben das Bild der idyllischen mittelalterlichen Rattenfängerstadt. Es fehlen einfach die Leute, die sich der dunklen Seiten in der Geschichte dieser Stadt verantwortlich annehmen, und so ruht das Ganze ein bisschen auf den Schultern einer einzelnen Person.

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ZiSch: Gibt es persönliche Gründe für Ihre Forschungen?

Gelderblom: Ich bin Jahrgang 1943, also noch im Krieg geboren, und auch sehr stark von der unmittelbaren Nachkriegszeit beeinflusst. Meine Generation war es vor allem, die sich dessen, was in der NS-Zeit passiert ist, angenommen hat, denn die Täter waren die unmittelbaren Väter. Ich habe keinen Grund zu sagen, dass mein Vater sich selber unmittelbar schuldig gemacht hat, er war Soldat, Offizier. Aber es ist die Generation meines Vaters, die schuldig geworden ist. Und dafür fühle ich mich als Sohn verantwortlich.

ZiSch: Wie reagiert Ihre Familie auf das, was Sie machen?

Gelderblom: Das ist nicht so ganz einfach. Es ist eine hohe zeitliche Belastung, die sich in bestimmten Zeiten auch immer wieder zuspitzt. Zum Beispiel, wenn ich Vorträge halte oder eine Ausstellung vorbereite, dann ist das eine außerordentlich hohe Belastung, und das erträgt meine Familie mit Geduld und Langmut, aber auch manchmal etwas schwer, was ich auch sehr gut verstehen kann.

ZiSch: Wie reagiert Ihr Umfeld auf die Aufdeckung solch brisanter Fakten?

Gelderblom: Das ist ganz unterschiedlich. Wenn ich etwa an die Ausstellung zum Reichserntedankfest denke, da war doch der Großteil der Bevölkerung froh und auch wirklich neugierig, das sehen zu können. Die zahlreichen Vorträge waren immer voll. Auf der anderen Seite gibt es auch eine Minderheit in der Bevölkerung, die sagt: "Ach, nun schon wieder!" und "Jetzt muss endlich Schluss sein!". Und einzelne reagieren auch durchaus aggressiv.

ZiSch: Gibt es Leute, die eine Abneigung gegen Sie empfinden?

Gelderblom: Das ist so, das wird mir auch manchmal sehr persönlich deutlich gemacht. Inzwischen kann ich damit umgehen und muss auch damit rechnen, dass es Abneigungen gibt. Damit kann ich leben. Dieses Thema ist nicht konfliktfrei zu behandeln, weil ja zumindest die Kinder der Hamelner Täter hier noch leben. Das spüre ich in ganz vielen Feldern. Es gibt die vielen Häuser, die Juden besessen haben und die teilweise unter ganz schlimmen Umständen "arisiert", also gekauft worden sind. Natürlich regt es die Leute auf, wenn ich nach den Umständen des Verkaufes forsche, weil da viele Dinge an den Tag kommen, derer man sich sehr tief schämen muss.

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ZiSch: Herr Gelderblom, Sie sprachen vorhin davon, dass Einzelne auch aggressiv reagiert haben. Können Sie das bitte konkretisieren.

Gelderblom: Ich bekomme bösartige anonyme Drohbriefe, die ich dann der Kriminalpolizei übergebe, die immer erfolglos ermittelt. Das ist nicht so selten, aber ich will das jetzt auch nicht so betonen.

ZiSch: Erzählen Sie auch Jugendlichen von Hamelns Geschichte?

Gelderblom: Das historische Interesse ist bei Erwachsenen schon ausgeprägter. Beim Thema "Reichserntedankfeste" war es so, dass bei Jugendlichen ein sehr starkes Interesse vorhanden war, weil das ein Fest ist, zu dem junge Menschen einen Bezug herstellen können. Diese Massensuggestion ist heute ja auch wieder in Form großer Konzerte vorhanden. Hitler hat es verstanden, die Leute zu faszinieren.

ZiSch: Wie lange dauern Ihre Forschungen schon an?

Gelderblom: Ich weiß das ziemlich genau, ich habe 1987 angefangen, also vor genau 13 Jahren. Da stand der 50. Jahrestag der Reichspogromnacht an und da habe ich mich mit dem Hamelner Jüdischen Friedhof beschäftigt, der bis dahin ein absolut vergessener Ort war. Ich habe die dortigen Grabsteine aufgenommen und die Geschichte der Zerstörung dieses Friedhofes in der NS-Zeit untersucht. Das war dann der Ausgangspunkt für die Erforschung des Schicksals der Hamelner Juden in der NS-Zeit.

ZiSch: Um den Friedhof hatte sich bis dahin niemand gekümmert?

Gelderblom: Bis dahin nicht. Ich habe viele Führungen über den Friedhof gemacht und ein kleines Büchlein, das inzwischen vergriffen ist. Heute gibt es eine Jüdische Gemeinde in Hameln, die dort auch wieder bestattet und sich darum kümmert. Und so paradox es auch klingt, der Friedhof ist wieder zu seinem Leben gekommen.

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ZiSch: Und dann haben Sie Ihr Interesse auf das Reichserntedankfest konzentriert.
Was war der Sinn des Festes?

Gelderblom: Hitler hat unterschiedliche Feste gemacht, um unterschiedliche Bevölkerungsschichten für sich zu verpflichten. Und hier war es vor allem die Bauernschaft, die er kriegen wollte. Letztendlich hatte dieses Fest einen ganz anderen Hintergrund, und zwar sollte das Volk durch die umfangreichen militärischen Vorführungen, die Bestandteil der Feste waren, auf den von Anfang an geplanten Krieg vorbereitet werden. Das Reichserntedankfest war übrigens das größte Massenfest der Nationalsozialisten.

ZiSch: Warum wurde das Fest am Bückeberg gefeiert?

Gelderblom: Das hat mehrere Gründe. Die wichtigsten waren, dass in Niedersachsen nach Meinung der Nazis die richtigen, "unverfälschten" Bauern leben; man wollte es an der Weser machen, da sie der einzige "rein deutsche" Fluss ist, und man musste es an einem Ort machen, wo es günstige Bahnverbindungen gab. All das traf auf Hameln zu. Übrigens kamen hauptsächlich Städter, deren einziges Motiv war, Hitler sehen zu wollen.

ZiSch: Sind alle Menschen freiwillig zum Reichserntedankfest auf den Bückeberg gekommen?

Gelderblom: Ich bin fest davon überzeugt, dass alle freiwillig gekommen sind. Es war auch eher so, davon weiß ich aus einigen Dörfern, dass es Wartelisten gab.

ZiSch: Sie haben auch zum Hamelner Zuchthaus und dem so genannten Todesmarsch 1945 geforscht. Was war damals ein Zuchthaus?

Gelderblom: Im Zuchthaus wurden die längeren und härteren Strafen vollstreckt. Das Hitlerregime hat viel mehr Zuchthausstrafen verhängt als die Weimarer Republik, und das hängt damit zusammen, dass es völlig neue Vergehen gab. Homosexualität wurde sehr viel härter bestraft. Wer etwas gegen den Führer sagte oder am Sieg zweifelte, wurde wegen "Heimtücke" bestraft. Viele Menschen saßen als Anhänger der KPD und der SPD im Zuchthaus.

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ZiSch: Wie viele Insassen gab es in Hameln im Durchschnitt?

Gelderblom: Es war für etwa 500-600 Häftlinge ausgelegt. Zum Ende des Krieges hatten wir eine dreifache Überbelegung.

ZiSch: Gab es im Hamelner Zuchthaus auch Tötungen?

Gelderblom: Hameln war keine Hinrichtungsstätte, aber in Hameln starben sehr viele Häftlinge an Krankheiten und Hunger. Das geschah vor allem ab Herbst 1944 und die Zahl steigerte sich bis zum Kriegsende auf insgesamt 300 tote Häftlinge. Die letzten starben auf dem Todesmarsch, dieser führte im April 1945 von Hameln nach Eschershausen. Man wollte verhindern, dass die politischen und die ausländischen Häftlinge in die Hände der Amerikaner fielen.

ZiSch: Was wissen Sie über Transporte der Hamelner Gefangenen in Konzentrationslager, z. B. nach Dachau?

Gelderblom: Da weiß ich nichts Genaues, aber im Allgemeinen kann ich sagen, dass politische sowie homosexuelle Häftlinge direkt, nachdem sie ihre Haftstrafen verbüßt hatten, in ein KZ gekommen sind.

ZiSch: Wie sind Sie auf das Thema Zwangsarbeiter für Ihren neuen Vortrag gekommen?

Gelderblom: Das Thema hat mich schon lange beschäftigt. Es ist erst spät in die öffentliche Diskussion gekommen. Dies muss nun dringend auch für Hameln aufgearbeitet werden. Inwieweit hat sich zum Beispiel die Stadt Hameln schuldig gemacht, indem sie Zwangsarbeiter beschäftigt hat; in welchen Firmen haben sie überhaupt gearbeitet; wie waren die Zustände in den Lagern?

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ZiSch: Was für Menschen waren die Zwangsarbeiter und aus welchem Grund haben sie unter solchen Umständen gearbeitet?

Gelderblom: Das ist das eigentlich Erschreckende, was für mich auch nie so klar war. Die Zwangsarbeiter waren hauptsächlich 16-18 Jahre alt und lebten mit ganzen Familien unter schlimmen Bedingungen. Deshalb leben auch noch vergleichsweise viele, weil sie halt so jung waren. Am Anfang kamen sie auch freiwillig, aber nach kurzer Zeit kam keiner mehr freiwillig. Dann wurde Zwang ausgeübt, die Leute wurden regelrecht gekidnappt. Sie hatten teilweise sogar nur Sommerkleidung an, weil sie direkt von der Straße kamen.

ZiSch: Es wurde ihnen erlaubt Briefe zu schreiben?

Gelderblom: Ja, es war am Anfang sogar eine gewisse Freizügigkeit vorhanden, es bestand sogar die Möglichkeit, Urlaub zu machen, doch das wurde bald abgeschafft, da zu viele Arbeiter nicht wiederkehrten.

ZiSch: Berichten Sie nur über die Zwangsarbeiter in Hameln?

Gelderblom: Nein, es muss über Hameln hinaus gehen. Ich habe mir den Landkreis Hameln-Pyrmont vorgenommen. In Hameln gab es 4.000 Zwangsarbeiter und im Landkreis noch einmal so viele. Und die Zustände auf dem Land waren ganz anders als in der Stadt. Auf dem Land waren sie hauptsächlich auf Bauernhöfen beschäftigt, wobei es einigen dort noch recht gut ging.

ZiSch: Gab es in unserem Landkreis in jedem Dorf Zwangsarbeiter?

Gelderblom: Ja, das gab es wirklich. Man kann davon ausgehen, dass fast jeder Hof Zwangsarbeiter beschäftigte. Das lag schlichtweg daran, dass die Männer als Soldaten an der Front waren. Und die Frauen konnten das nicht alleine machen. Es gab hier große Güter, die 30 bis 40 polnische und russische Zwangsarbeiter hatten.

ZiSch: Wie viel Zeit haben Sie in dieses Projekt investiert?

Gelderblom: Also das Thema habe ich das erste Mal vor sechs Jahren behandelt und jetzt sitze ich seit Pfingsten daran und mache Archivarbeit, was in diesem Fall sehr schwierig ist, da ich sehr viele der extrem breit gestreuten Akten durchsehen muss. Und ich werde Ende November in dem Vortrag nur Zwischenergebnisse präsentieren können.

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ZiSch: Erhalten Sie Unterstützung von der Stadt oder aus der Bevölkerung?

Gelderblom: Von der Stadt im Grunde nicht. Das kann im Einzelnen mal sein, wie bei der Ausstellung zum Reichserntedankfest. Und zwar in der Form, dass mir das Hochzeitshaus als Ausstellungsraum mietfrei zur Verfügung gestellt und eine geringe finanzielle Beteiligung gegeben wurde. Von Einzelpersonen schon immer, die mir Briefe schreiben und mir Fakten mitteilen und mich insofern unterstützen; das ist wirklich sehr wertvoll. Ich bin selber in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die steht sehr stark hinter dem, was ich mache und unterstützt mich.

ZiSch: Wie schwer war es für Sie, diese vielen Informationen zu bekommen?

Gelderblom: Das ist zum Teil unglaublich zeitaufwendig und da freue ich mich manchmal wie ein Kind über Einzelheiten. Es ist viel Archivarbeit, die in der Regel mit Fahrten verbunden ist. Es gibt in Hameln zwei kleine Archive, die für mich wertvoll sind. Andere sind zum Beispiel in Hannover und London. Mit anderen Archiven stehe ich im Briefwechsel, besonders um Schicksale von Personen zu erforschen, die aus Hameln deportiert wurden. Um das Foto eines Menschen zu bekommen, führe ich bisweilen zahlreiche Telefonate. Zur Zeit bin ich einem Bild auf der Spur, auf dem ein jüdisches Mädchen mit langen Zöpfen zu sehen ist, das im Alter von elf Jahren deportiert wurde. Das möchte ich unbedingt haben, um es in einem Buch abdrucken zu können.

ZiSch: Wo haben Sie die Informationen noch herbekommen, wenn nicht aus Archiven?

Gelderblom: Ich mache sehr viele Interviews. Dabei besteht die Schwierigkeit, dass meine Interviewpartner häufig nicht zu Interviews bereit sind. Aber wenn ich dann das Vertrauen dieser häufig sehr einfachen Menschen habe, stellt sich diese Arbeit als sehr lohnend heraus.

ZiSch: Wie kommen Sie an solche Menschen heran?

Gelderblom: Das ist schon schwierig. Wenn ich in ein mir fremdes Dorf komme, rufe ich zuerst beim Pfarrer oder beim Oberbürgermeister an und frage, ob es Zeitzeugen der NS-Zeit gibt, oder ich gehe in Häuser und spreche einfach ältere Menschen an.

ZiSch: Was haben sie schon alles an Reisen unternommen, um in ihren Forschungen weiter zu kommen?

Gelderblom: Ich bin mehrmals nach Israel gefahren und habe dort Zeitzeugen befragt.

ZiSch: Herr Gelderblom, wir danken ihnen für dieses Gespräch und wünschen Ihnen für Ihre weitere Arbeit viel Kraft und Erfolg.

Nina Hollemann, Anna Husmann, Martin Semmann
(Klasse 10Fc des Viktoria-Luise-Gymnasiums Hameln)
erschienen am 28. 2. 2001 auf den ZiSch-Seiten
(=Zeitung in der Schule) in der Frankfurter Rundschau

 
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